Zur Resolution des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. (BDP)

Eher zufällig habe ich vor einigen Tagen eine Entdeckung gemacht, die mich in besonderer Weise gefreut hat: Neben der Gesellschaft für frühkindliche Bindung e. V., die sich seit Jahren fachlich-kritisch mit Krippenbetreuung und frühpädagogischen Entwicklungen auseinandersetzt, positioniert sich nun erstmals auch ein psychologischer Fachverband explizit gegen die systematische Ausklammerung psychologischer Expertise im Feld der Frühpädagogik. In seiner Resolution vom 2. Dezember 2025 nimmt der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. (BDP) zunächst eine gesundheitsbezogene Perspektive ein.[i]

Psychologie in der frühkindlichen Bildung: Mehr Fachkompetenz für Kitas und Familienzentren

Der BDP betont in seiner Resolution „Psychologie in der frühkindlichen Bildung: Mehr Fachkompetenz für Kitas und Familienzentren“ die zentrale Bedeutung psychologischer Fachkompetenz für die frühkindliche Bildung und adressiert mit der Prävention von Verhaltensstörungen ein Themenfeld, das in der frühpädagogischen Debatte bislang erstaunlich randständig behandelt wird. Kindertageseinrichtungen prägen die emotionale, soziale, sprachliche und kognitive Entwicklung von Kindern in einer Phase besonderer Vulnerabilität. Dies gilt umso mehr unter Bedingungen zunehmender Kinderarmut, migrationsbedingter Herausforderungen, wachsender psychischer Belastungen in Familien sowie eines chronischen Fachkräftemangels.

Psychologinnen und Psychologen verfügen über spezifische Kompetenzen, um individuelle Entwicklungsverläufe differenziert zu erfassen, Stärken und Risiken zu diagnostizieren und Fördermaßnahmen evidenzbasiert zu gestalten. Gleichwohl, so die Einschätzung des BDP, fehlt psychologische Fachkompetenz in Kitas bislang weitgehend. Der Verband fordert daher, dass jede Kindertageseinrichtung strukturellen Zugang zu psychologischer Beratung und Begleitung erhält – analog zur etablierten Schulpsychologie. Darüber hinaus sollen Psychologinnen und Psychologen systematisch in Familienzentren eingebunden werden, um die Entwicklung von Kindern ganzheitlich zu unterstützen, Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken und die Vernetzung im Sozialraum zu fördern.

Konkret fordert der BDP:

1. eine psychologische Grundversorgung in allen Kindertageseinrichtungen,

2. die verbindliche Beteiligung von Psychologinnen und Psychologen in Familienzentren und multidisziplinären Teams,

3. die Vernetzung frühpädagogischer Einrichtungen im Sozialraum zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Resilienz,

4. die Partizipation von Kindern und Eltern bei der Gestaltung kommunaler Bildungsangebote sowie

5. die Förderung von Forschung und Modellprojekten, die evidenzbasierte Frühbildung mit psychischer Gesundheit verbinden.

Ziel ist es, psychologische Fachkompetenz dauerhaft in der frühkindlichen Bildung zu verankern, um Kinder gezielt zu fördern, Familien zu stärken und soziale Ungleichheiten frühzeitig abzufedern – im Sinne von Chancengerechtigkeit von Geburt an.

Zur schleichenden Demontage psychologischer Expertise in der Frühpädagogik

Dieses Engagement eines psychologischen Fachverbandes macht deutlich, dass das langjährige Dethematisieren psychologischer Expertise in der Frühpädagogik zunehmend an Grenzen stößt. Seit etwa zehn Jahren ist zu beobachten, dass die noch junge Disziplin der Kindheitspädagogik ihr Verhältnis zu benachbarten Disziplinen – insbesondere zur Psychologie – nicht hinreichend geklärt hat. Diese Problematik benennt auch die Arbeitsgruppe Disziplinentwicklung der Kommission Pädagogik der frühen Kindheit der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) selbstkritisch, aber sehr allgemein: „Trotz in den letzten Jahren erfolgter Selbstvergewisserungen über theoretische und empirische Zugänge zur Pädagogik der frühen Kindheit bleiben Unschärfen bestehen, die sich beispielsweise im Verhältnis zu anderen (Teil-)Disziplinen, zur Politik oder im Verhältnis von Profession und Disziplin ergeben“ (DGfE 2024, S. 218).[ii]

Angesichts der engen Verbindung psychologischer Forschung mit zentralen Fragen frühkindlicher Entwicklung erscheint eine stärkere disziplinäre Rückbindung an die Psychologie nicht nur sinnvoll, sondern fachlich notwendig. Historisch war Psychologie ein zentrales Kernfach der Erzieher:innenausbildung und eng verzahnt mit Pädagogik sowie Didaktik und Methodik. Davon ist mittlerweile wenig übriggeblieben.

Psychologie in der Ausbildung ohne Psycholog:innen

Bereits 2017 habe ich in Report Psychologie, der Fachzeitschrift des BDP, auf ein bis heute bestehendes Problem hingewiesen: An sozialpädagogischen Fachschulen werden zentrale psychologische Inhalte nur selten von Psycholog:innen unterrichtet. Stattdessen übernehmen überwiegend Pädagog:innen fachfremd diesen Unterricht. Dabei umfassen die Curricula einen erheblichen Anteil genuin psychologischer Inhalte, darunter Beobachtung und Entwicklungsdiagnostik, Entwicklungspsychologie (Motorik, Sprache, Emotion, Sozialverhalten, kognitive Entwicklung), Bindungstheorie, Resilienz, Erziehungsstile, Kommunikation und Gesprächsführung, Lernen und Lernförderung, psychische Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Lernstörungen sowie Psychotraumatologie. Zum damaligen Zeitpunkt lag der Anteil von Psycholog:innen im Lehrkörper sozialpädagogischer Fachschulen bei etwa einem Prozent.

Gleichzeitig ließ sich eine zunehmende fachfremde Autor:innenschaft in Lehr- und Fachbüchern bei genuin psychologischen Themen nachweisen. Lernfeldcurricula tragen zu dieser Entwicklung bei, da sie wissenschaftliche Bezüge verwischen und ein überdehntes Pädagogikverständnis begünstigen. Schon dieser Artikel forderte mehr Fachlichkeit in der Erzieherausbildung: Wenn angehende Erzieher:innen psychologisch fundiert ausgebildet werden sollen, erfordert dies entsprechend qualifizierte Lehrkräfte aus der Psychologie und fundierte Expertise in den Lernmaterialien.[iii]

Junge Disziplin Kindheitspädagogik ohne Psychologie?

Besonders im wissenschaftlichen Diskurs, den die junge Disziplin Kindheitspädagogik führt, zeigt sich eine zunehmende Abschottung gegenüber psychologischer Expertise. Die Reaktionen der Mainstream-Frühpädagogik auf den Aufruf „Kita-Kindeswohl-im-Blick“ (eine klassische Leitlininen-Psychologie, wie ich meine) im vergangenen Jahre verdeutlichen, mit welcher Vehemenz kritische Perspektiven inzwischen abgewehrt werden: von Rufschädigung und politischen Unterstellungen über die konsequente Vermeidung einer inhaltlichen Auseinandersetzung bis hin zu spürbaren Erschwernissen bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten war alles dabei.

Das kürzlich veröffentlichte „Memorandum zur frühkindlichen Entwicklung“ erscheint in diesem Zusammenhang als Verdichtung eines frühpädagogischen Mainstreams, der Kooperation mit Psycholog:innen sowie eine konsequent evidenzbasierte Perspektive weitgehend ausschließt. Besonders deutlich wird dies in den Abschnitten zu Lernen, Bildung, Sprachförderung und dem Übergang von der Kita in die Grundschule – allesamt Bereiche, die ohne psychologisches Fachwissen unvollständig bleiben. Es wird dazu noch Blogbeiträge geben.[iv]

Öffnet sich der Diskursraum?

Es wird weiter darum gehen, nicht nur die Ausgrenzung von Expertise, sondern auch fachliche Defizite einer Mainstream-Frühpädagogik offenzulegen – etwa durch die Analyse politikberatender Texte kindheitspädagogischer Akteur:innen oder durch diskursanalytische Zugänge in der Lehre. Ziel muss es bleiben, das jeweils beste verfügbare Wissen für die frühkindliche Bildung nutzbar zu machen.

In den letzten Monaten lassen sich weitere vorsichtige Anzeichen einer Öffnung für das Thema beobachten. Im Kontext der bildungspolitisch forcierten und aus psychologischer Sicht sinnvollen Sprachstandserhebungen und Sprachförderung deutlich vor der Einschulung wurde Marcus Hasselhorn, Professor für Psychologie am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, mehrfach in überregionalen Medien interviewt. Auch er formuliert deutliche Kritik an Fehlentwicklungen, insbesondere im Bereich von Lernen, Bildung und Schulübergang. In einem Interview in WELT („Alle Nachbarn um uns herum haben diese Art der Erziehung längst abgelegt – wir aber nicht“) äußert er sich unter anderem wie folgt:

„Ein niederländischer Kollege, mit dem ich ein Forschungsprojekt in Deutschland begutachtet habe, war bereits vor 15 Jahren völlig entsetzt und fragte mich, wie wir in Deutschland die frühkindliche Bildung so verspielen können. Man kann doch nicht dem Kind die Verantwortung dafür geben, zu erkennen, wo es seine Bedarfe hat.“

„Meine Sorge ist, dass die Kita-Philosophie, die letztlich die Laissez-faire-Philosophie der 70er-Jahre repräsentiert, in die Grundschule schwappt, und das hilft unserem Bildungssystem und den Kindern überhaupt nicht.“[v]

Fazit

Der Diskursraum für tradierte, bewährte und neue psychologische Perspektiven auf die Kita-Pädagogik beginnt sich langsam wieder zu öffnen. Das langjährige Dethematisieren psychologischer Expertise sowie die Anpassung an eine stark programmatische Frühpädagogik bis hin zur Deformation psychologischer Logiken stoßen zunehmend an Grenzen. Entscheidend für diesen Prozess ist, dass sich mehr Psycholog:innen, sowohl individuell als auch über ihre Fachverbände, klar positionieren. Kindern ist am besten gedient, wenn neben pädagogischem Wissen auch psychologisches Wissen fundiert gelehrt, wissenschaftlich weiterentwickelt und konsequent in der Kita-Praxis umgesetzt wird. Der Vorstoß des Berufsverbandes Deutscher Psycholog:innen ist daher ausdrücklich zu begrüßen. Wünschenswert wäre, dass ihm weitere folgen.


[i] Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) (Hrsg.). (2025). Psychologie in der frühkindlichen Bildung: Mehr Fachkompetenz für Kitas und Familienzentren. https://www.bdp-verband.de/fileadmin/user_upload/BDP/newssystem/presse/stellungnahmen_und_politische_positionen/PDF/BDP_Resolution_Fruehkindliche_Bildung_251123.pdf

[ii] Arbeitsgruppe Disziplinentwicklung der Kommission Pädagogik der frühen Kindheit der DGfE (2024). Was ist Pädagogik der frühen Kindheit? Frühe Bildung 13 (4), 218-219. (Zitat auf S. 218) — Fachgruppe „Psychologie“ im „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ (2024). Thesen zur Wissenschaftsfreiheit. Report Psychologie, 49(6), 38.

[iii] Verbeek, V. (2017). Psychologie-Unterricht ohne Psychologen: Ein Plädoyer für mehr Fachlichkeit in der Erzieherausbildung. Report Psychologie, 42 (5), 204-209.

[iv] Dreyer, R., Cloos, P., Hogrebe, N. & Kaul, I. (2025). Memorandum zur Frühkindlichen Bil-dung, Betreuung und Erziehung in Deutschland. Alice Salomon Hochschule Berlin. https://doi.org/10.58123/aliceopen-794

[v] Peters, F. (2026). „Alle Nachbarn um uns herum haben diese Art der Erziehung längst abgelöst – wir nicht“. WELT. https://www.welt.de/politik/deutschland/plus694174063e25dcaf036aceab/bildung-alle-nachbarn-um-uns-herum-haben-diese-art-der-erziehung-laengst-abgeloest-wir-nicht.html

Hinterlasse einen Kommentar