Evidenzen aus der Praxis: Warum Kita-Förderprogramme wirken

Wissenschaftlich auf der Grundlage von Entwicklungs- und Lerntheorie entwickelte Kita-Programme zur kontinuierlichen Förderung von Kindern gibt es seit Jahrzehnten. In diesem Beitrag soll es um die Vorteile solcher Förderprogramme gehen, wie sie aus Ausbildung und Berufspraxis bekannt sind. Es geht also um praktische Evidenzen. Die wissenschaftlichen Evidenzen werden in einem anderen Beitrag thematisiert.

Was ist mit Kita-Förderprogrammen gemeint?

Unter „Förderprogrammen“ oder „Verhaltenstrainings“ versteht man Interventionen mit dem Ziel, durch Übungen, Spiele und Gespräche zum Aufbau entwicklungsrelevanter Kompetenzen beizutragen. Ursprünglich aus der Verhaltenstherapie kommend, liegen mittlerweile vermehrt Präventionsprogramme vor, die sich explizit an pädagogische Fachkräfte richten und eine gruppenbezogene Durchführung in Kindertageseinrichtungen vorsehen. Kita-Programme fördern grundlegende emotionale Kompetenzen wie Gefühlsausdruck oder Einfühlungsvermögen, soziale Kompetenzen wie den Umgang mit Konflikten und können darüber hinaus schulbezogene Präventionsarbeit fokussieren.

Ein konkretes Beispiel: Verhaltenstraining im Kindergarten

Es gibt zahlreiche Kita-Förderprogramme. Einige sind in einer Literaturliste am Ende dieses Blogbeitrags zusammengestellt, andere werden unter verschiedenen thematischen Aspekten in weiteren Blogbeiträgen aufgegriffen. Beispielhaft soll hier das Programm „Verhaltenstraining im Kindergarten: Ein Programm zur Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen“ von Koglin und Petermann vorgestellt werden.

Das Programm richtet sich an Vier- bis Sechsjährige und ist als universelles Präventionsangebot für alle Kinder einer Gruppe konzipiert. Auf der Grundlage entwicklungspsychologischer Modelle zur Entstehung von Verhaltensproblemen zielt die Förderung auf den Aufbau emotionaler Kompetenz, sozialer Problemlösefähigkeit, sozialer Fertigkeiten und Empathie ab.

Das Verhaltenstraining umfasst 35 Einheiten à 30 Minuten, die in Gruppen von bis zu 18 Kindern durchgeführt werden können, wobei kleinere Gruppen empfehlenswert sind. Bei zwei Einheiten pro Woche erstreckt sich das Programm über einen Zeitraum von etwa drei Monaten. Zum Einsatz kommen Rollenspiele, Geschichten, Gespräche im Stuhlkreis, Gruppenarbeit, Lieder und Bewegungsspiele. Als Materialien werden unter anderem Arbeitsblätter, Gefühlskarten, Regelkarten, Bilder und Aufkleber genutzt. Die Übungseinheiten werden durch drei Leitfiguren thematisch miteinander verbunden: die Handpuppe Finn sowie die Kinder Sina und Benny aus dem „Meerkindergarten“.

In Block 1, dem Aufbau von Emotionswissen, geht es um die Basisemotionen Freude, Wut, Angst, Trauer und Scham. Darüber hinaus werden der sprachliche Emotionsausdruck, das Einüben von Empathie, die Unterscheidung zwischen eigenen Emotionen und denen anderer sowie das Verstehen von Emotionsursachen gefördert. Die Übungen zur Förderung emotionaler Kompetenzen bilden die Grundlage für Block 2 mit Übungen zum Erkennen und Interpretieren von Konflikten und deren Ursachen. Hier stehen das Entwickeln von Handlungsalternativen, das Abschätzen von Folgen sowie das Berücksichtigen und Bewerten von Handlungen und Konsequenzen im Mittelpunkt.

Ein Blick ins Buch ist möglich unter: https://www.hogrefe.com/de/shop/verhaltenstraining-im-kindergarten-99613.html

Warum Kita-Förderprogramme sinnvoll sind

  • Wirksamkeit und Transfer: Viele Förderprogramme sind wissenschaftlich evaluiert und zeigen nachweislich positive Effekte.
  • Frühe und gezielte Förderung: Förderprogramme setzen frühzeitig an, bevor sich Probleme verfestigen.
  • Chancengleichheit und kompensatorische Funktion: Kinder aus belasteten Lebenslagen (z. B. Armut, psychische Erkrankung der Eltern, Migration) profitieren besonders.
  • Förderung zentraler Schutzfaktoren: Additive Förderprogramme stärken gezielt transdiagnostische Schutzfaktoren gegen verschiedene psychische Störungen (z. B. Angststörungen, Depressionen, ADHS).
  • Arbeitserleichterung und Ökonomie: Förderprogramme sind manualisiert, was die Umsetzung durch pädagogische Fachkräfte deutlich vereinfacht.
  • Struktur und Klarheit für Fachkräfte: Förderprogramme bieten klare Ziele, konkrete Übungen und strukturierte Abläufe. Sie erhöhen Handlungssicherheit und Professionalität im erzieherischen Alltag.
  • Anschlussfähigkeit an andere Systeme: Viele Förderprogramme sind anschlussfähig an die Schuleingangsphase, die Jugendhilfe und therapeutische Angebote.

Förderprogramme haben positive Effekte auf Kinder, wirken präventiv und gleichen Bildungschancen aus. Diese Vorteile werden vor allem in wissenschaftlichen Evaluationen nachgewiesen und sollen in einem eigenen Blogbeitrag noch dargestellt werden. Im Folgenden sollen jedoch besonders die genannten positiven Effekte für pädagogische Fachkräfte vertieft werden – eine Perspektive, die vergleichsweise selten eingenommen wird.

Professionalisierung durch Programme: Effekte für pädagogische Fachkräfte

In der Erzieherausbildung habe ich im Rahmen meines Unterrichts seit den 1990er-Jahren Verhaltenstrainings und auch Lernprogramme wie das Würzburger Sprachtraining zur Prävention von Lese- und Rechtschreibstörungen im Unterricht immer thematisiert. Die fachschulische Ausbildungsform mit einem höheren Anteil an Übungszeiten im Vergleich zum Hochschulstudium ermöglichte es, dass die Übungseinheiten gruppenteilig auch von den Fachschüler:innen im Rollenspiel eingeübt werden konnten, bevor sie diese in Praktika in der Kita erprobten. In der fachschulischen Weiterbildung zur Heilpädagogik konnten Präventions- und Interventionsprogramme im Rahmen von Abschlussarbeiten in den Einrichtungen durchgeführt und bei positiver Evaluation implementiert werden. In einer meiner aktuellen Vorlesungen zu psychisch belasteten Kindern in kindheitspädagogischen Arbeitsfeldern werden im Vorlesungsteil psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen behandelt. Interventionswissen erwerben die Studierenden über die eigene Auseinandersetzung mit einem selbst gewählten Kita-Programm und leisten einen Transfer des additiven Programms in alltagsintegriertes pädagogisches Handeln.

Alle Erzieher:innen, Heilpädagog:innen und Kindheitspädagog:innen, die sich im Rahmen von Unterricht und Lehre in der beschriebenen Weise mit Kita-Förderprogrammen oder Verhaltenstrainings beschäftigt haben, äußerten sich nicht nur positiv in Bezug auf die Lerneffekte für die Kinder, sondern auch hinsichtlich der eigenen Professionalisierung. Für manche löste diese Beschäftigung einen regelrechten Begeisterungsschub aus, da selten so konzentriert praktisch relevante Hilfen erarbeitet werden konnten. Pädagogische Fachkräfte gewinnen durch die Beschäftigung mit Kita-Förderprogrammen und Verhaltenstrainings demnach mehr Sicherheit im erzieherischen Umgang mit Kindern im Kita-Alltag und profitieren zudem in der Beratung von Eltern.

Bei mit war das ähnlich, als ich als junge Psychotherapeutin Handlungswissen für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern aufbauen musste. Die Verhaltenstrainings für Kinder mit aggressivem und sozial unsicherem Verhalten von Petermann und Petermann waren mir damals eine wichtige Orientierung. Sie erscheinen noch heute, wobei mittlerweile eine Vielzahl an therapeutischen Manualen hinzukamen.

Zeitersparnis und ökonomische Umsetzung

In der Regel sollten alle Förderprogramme von ausgebildeten Fachkräften aus Fachschule und Hochschule durchführbar sein. Voraussetzung ist, das eigene Grundwissen zur Planung von Aktivitäten und zur Durchführung von Projekten durch eine intensive Beschäftigung mit dem jeweiligen Programm zu erweitern. Meist reicht es aus, das Handbuch gründlich zu lesen und einzelne Aktivitäten schrittweise zu erproben, um es anschließend durchzuführen.

Ausführliche und strukturierte Beschreibungen des gesamten Aufbaus, der organisatorischen Rahmenbedingungen, der thematisch zusammenhängenden Module sowie der einzelnen Übungseinheiten inklusive Arbeitsmaterialien ermöglichen eine direkte Umsetzung der Übungen. Obgleich nicht immer ganz im Sinne der evaluierten Programme, können die Übungen auch flexibel und adaptiv eingesetzt werden, um sie in den Alltag der Kita zu integrieren.

Additive Programme: Ergänzung statt Verschulung

Additive Förderprogramme erweitern die pädagogische Praxis, ohne sie grundlegend umzugestalten. Vor diesem Hintergrund erscheint die teils vehemente Kritik an solchen Programmen wenig nachvollziehbar. Auch die Sorge, Kindertageseinrichtungen könnten durch standardisierte und additive Programme „verschult“ werden, greift meiner Einschätzung nach zu kurz.

Besucht ein Kind die Kita an fünf Tagen pro Woche jeweils sechs Stunden und nimmt zwei Mal in der Woche an einem Kita-Programm mit einer 30-minütigen Lerneinheit teil, entspricht dies etwa drei Prozent der gesamten Kita-Zeit. Von einer umfassenden Verplanung kann hier keine Rede sein, von Verschulung erst recht nicht. Gleichwohl ist das Thema „Mythos der Verschulung von Kitas“ so komplex, dass es im Zusammenhang mit dem Thema Schulbereitschaft einen eigenen Beitrag verdient.

Beispiele für Kita-Programme

Cierpka, M. & Schick, A. (2024). FAUSTLOS – Kindergarten: Ein Curriculum zur Förde-rung sozial-emotionaler Kompetenzen und Gewaltprävention. Hogrefe.

Friedrich, G., de Galgóczy, V. & Schindelhauer, B. (2004). Komm mit ins Zahlenland: Eine spielerische Entdeckungsreise in die Welt der Mathematik. Herder.

Fröhlich-Gildhoff, K., Dörner, T. & Rönnau-Böse, M. (2021). Prävention und Resilienzförderung in Kindertageseinrichtungen – PRiK: Ein Förderprogramm. Ernst Reinhardt.

Hillenbrand, C., Hennemann, T. & Schell, T. (2023). Lubo aus dem All! Programm zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen. Ernst Reinhardt.

Koglin, U., Rademacher, A. & Petermann, F. (2025). Verhaltenstraining im Kindergarten: Ein Programm zur Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen. Hogrefe.

Krowatschek, D., Albrecht, S. & Krowatschek, G. (2024). Marburger Konzentrationstraining (MKT) für Kindergarten, Vorschule und Eingangsstufe. Verlag modernes lernen.

Küspert, P. & Schneider, W. (2008). Hören, lauschen, lernen: Sprachspiele für Kinder im Vorschulalter – Würzburger Trainingsprogramm zur Vorbereitung auf den Erwerb der Schrift-sprache. Vandenhoeck & Ruprecht.

Melzer, J., Rißling, J.-K. & Petermann, F. (2021). SFK – Sprache fördern im Kindergarten: Das Förderprogramm zum SET 3–5. Hogrefe.

Petermann, F. & Gust, N. (2016). Emotionale Kompetenzen im Vorschulalter fördern: EMK-Förderprogramm. Hogrefe.

Pfeffer, S. & Storck, C. (2018). Resilienzförderung und Prävention sexualisierter Gewalt in Kitas: Das „ReSi“-Förderprogramm. Hogrefe.

Piek, J., McLaren, S., Straker, L., Jensen, L., Packer, T., Dender, A., Roberts, C. & Rooney, R. (2021). Animal Fun: Ein Bewegungsprogramm zur Förderung von physischer Aktivität und psychischer Gesundheit. Hogrefe.

Programme für ältere Kinder in Hort und Grundschule

Freiberger, D. (2020). Training der Impulskontrolle – Ein Manual zur Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen. Springer.

Hampel, P. & Petermann, F. (2017). Cool bleiben- Stress vermeiden: Das Anti-Stress-Training für Kinder. Springer.

Heinrichs, N., Lohaus, A. & Maxwill, J. (2017). Emotionsregulationstraining (ERT) für Kinder im Grund-schulalter. Hogrefe.

Klein-Heßling, J. & Lohaus, A. (2021). Stresspräventionstraining für Kinder im Grundschulalter. Hogre-fe.

Petermann, F., Natzke, H., Gerken, N. & Walter, H.-J. (2025). Verhaltenstraining für Schulanfänger: Ein Programm zur Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen Hogrefe.

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