Buchempfehlungen

In diesem Blog möchte ich regelmäßig Fachbücher vorstellen, die Perspektiven erweitern und dazu einladen, über Erziehung und Förderung neu nachzudenken. Zum Auftakt habe ich zwei Bücher ausgewählt, die unterschiedliche Themen behandeln, dabei aber auch gemeinsame Grundgedanken teilen. Beide Autorinnen wagen den Blick jenseits des pädagogischen Mainstreams und verbinden fundierte Theorie mit langjähriger Praxiserfahrung.

Bereits vor fast 20 Jahren stieß ich auf ein Buch von Miriam Stiehler, das sich kritisch mit der damals zunehmend verbreiteten ADHS-Diagnose auseinandersetzte. Im vergangenen Jahr erschien ein neues Fachbuch von Erika Butzmann, das sich mit Sicherheit im Erziehungshandeln in einer zunehmend verunsichernden Gesellschaft beschäftigt. Beide Bücher werden nicht umfassend dargestellt, wie dies für Rezensionen typisch ist. Stattdessen möchte ich die Bücher allgemein vorstellen und dann inhaltliche Akzente setzen.

Miriam Stiehler (2007). AD(H)S – Erziehen statt Behandeln. Vandenhoeck & Ruprecht

Dr. Miriam Stiehler leitet seit 2004 die Beratungspraxis »WissenSchaffer«, in der sie Förderdiagnostik, Erziehungsberatung und eine private Vorschule miteinander verbindet. Sie ist Autorin mehrerer Fachbücher, entwickelt eigene Lernmaterialien und veröffentlicht regelmäßig kritische Beiträge zu pädagogischen Themen.

In ihrem Buch vertritt sie die These, dass ADHS in den meisten Fällen keine Krankheit ist, sondern Ausdruck einer verzögerten oder gehemmten Entwicklung. Entsprechend kritisch setzt sie sich mit vorschneller medizinischer Diagnostik und dem häufigen Einsatz von Medikamenten auseinander. Stattdessen plädiert sie für einen konsequent pädagogischen Ansatz: Kinder sollen nicht behandelt, sondern in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gezielt erzieherisch unterstützt werden.

Grundlegend ist ihr Hinweis, dass ADHS – wenn überhaupt – keine Aufmerksamkeits-, sondern eine Konzentrationsstörung sei. Die beiden Begriffe „Aufmerksamkeit“ und „Konzentration“ in Diagnose und Debatte nicht ausreichend zu unterscheiden, liegt an der Schwierigkeit der Übersetzung von „attention deficit disorder (ADD)“ ins Deutsche. Im Angloamerikanischen lässt sich nämlich sprachlich nicht zwischen kurzfristiger und langfristiger Fokussierung unterscheiden, beides ist „attention“. Im Deutschen bezeichnet „Aufmerksamkeit“ nur das kurzzeitige Fokussieren, z.B. weil ein Reiz die Aufmerksamkeit erregt oder man diese einem Gegenstand aktiv zuwendet. Sie darf aber nicht mit „Konzentration“ verwechselt werden, die ein zeitlich ausgedehntes, anhaltendes Fokussieren bezeichnet. Erst durch Erziehungshandeln wird aus Aufmerksamkeit die stetig steigerbare Konzentrationsfähigkeit. Da Konzentration im Unterschied zu Aufmerksamkeit also nicht von Natur aus vorhanden ist, kann sie folglich auch nicht von Natur aus gestört sein, wie dies in einem medizinischen Zugang angenommen wird (Stichwort: Dopaminmangel). Eine gestörte Konzentration ist vielmehr Ausdruck ungelöster Erziehungsaufgaben – so Stiehler. Unkonzentriertheit ist somit keine Erkrankung, sondern Zeichen einer verflachten Erziehungskultur.

In enger Anlehnung an den Schweizer Heilpädagogen Paul Moor überträgt Stiehler dessen Grundsätze auf den Umgang mit Kindern mit unkonzentriertem Verhalten. Diese Grunsätze sind z. B. „Erst verstehen, dann erziehen“, „Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende“ und „Der Erzieher muss nicht nur das Kind, sondern zugleich sich selbst erziehen“. Die zentralen Erziehungsfelder „Wille“, „Können“ und „Fühlen“ bilden dabei den Rahmen für konkrete, alltagstaugliche Anregungen in der Erziehung von Kindern mit unkonzentriertem Verhalten. Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte erhalten zahlreiche Impulse, die eigene Haltung zu reflektieren und Kinder durch stabile Beziehungen, klare Führung und Freude an der pädagogischen Aufgabe gezielt zu unterstützen.

Insgesamt plädiert das Buch für einen grundlegenden Perspektivwechsel: weg von einer defizitorientierten, medizinischen Sichtweise hin zu einem entwicklungsorientierten, pädagogischen Ansatz. Da dieser im Falle von Kindern mit externalisierenden Verhaltensmustern bis heute noch keinen Konsens darstellt, ist das Buch auch fast 20 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch aktuell.

Erika Butzmann (2025). Sicherheit im Erziehungshandeln: Die kindliche Entwicklung fördern in Zeiten von Unsicherheit und Modernisierungsdruck. Psychosozial Verlag.

Dr. Erika Butzmann ist seit vielen Jahren als Dozentin, Seminarleiterin und Beraterin tätig, u. a. in Eltern‑ und Familienbildung sowie der Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte. Sie ist Autorin zahlreicher Fachbeiträge und einiger Bücher zur Entwicklungspsychologie und Elternberatung.

In ihrem aktuellen Buch, das im Herbst letzten Jahres erschien, nimmt sie die wachsende Verunsicherung im Erziehungsalltag in den Blick und adressiert dabei Eltern und pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Im Mittelpunkt steht der zunehmende Modernisierungsdruck, der Erziehende belastet. Wachsende gesellschaftliche Erwartungen, Zeitknappheit, steigende Professionalisierungsanforderungen und digitale Einflüsse erschweren die alltägliche Erziehungsarbeit und führen häufig zu Unsicherheit im erzieherischen Umgang mit Kindern.

Ein Schwerpunkt ihrer Ausführungen liegt auf dem Krippenkind und den Risiken einer immer früher einsetzenden institutionellen Betreuung. Eine zu frühe und zu lange Krippenzeit könne die Bindungsentwicklung beeinträchtigen, Trennungsängste verstärken und Überforderung begünstigen. Unterschätzt wird auch das Stresspotential der Krippenbetreuung, das nicht mit Personalmangel erklärt werden sollte. Butzmann plädiert für eine realistische Einschätzung kindlicher Bedürfnisse und für Schutz jenseits ideologischer Debatten. Sichere Bindung stellt einen Resilienzfaktor dar, ermöglicht dem Kind, sich dem Lernen zuzuwenden und nicht sich weiterhin vorrangig mit Bindungsmöglichkeiten beschäftigen zu müssen.

Ein weiterer Fokus gilt der geringen Entwicklungsorientierung in Bildungsplänen. Zentrale Entwicklungsverläufe wie Bindung, Empathie, Selbstständigkeit und Selbstwert würden zu wenig berücksichtigt – so die Perspektive Butzmanns. Fehlentwicklungen entstünden, wenn Autonomie überbetont, Grenzen vernachlässigt oder Kinder durch zu frühe Anforderungen an Demokratie-, MINT- oder Medienkompetenzen überfordert würden. Hier erfolgt ein Rückgriff auf die aktuell vernachlässigte Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget.

Butzmanns Analyse mündet in eine grundsätzliche Kritik an einer Frühpädagogik, die sie als überambitioniert, widersprüchlich und entwicklungspsychologisch verkürzt beschreibt. Sie rückt Bindung, Nachahmung und innere Reifung wieder als zentrale Grundlagen kindlicher Entwicklung in den Mittelpunkt.

Fazit

Beide Bücher regen dazu an, Erziehung neu zu denken: weg von schnellen Diagnosen und pädagogischem Aktionismus, hin zu einer Haltung, die Beziehung, Bindung und die individuelle Reifung des Kindes sowie dessen Bedarfe in den Mittelpunkt stellt. Sie ermutigen dazu, dem gesellschaftlichen Beschleunigungsdruck und der vorschnellen Pathologisierung kindlichen Verhaltens nicht unkritisch nachzugeben, sondern Kinder aufmerksam in ihren Bedürfnissen, ihrem eigenen Tempo und ihren individuellen Verhaltensweisen wahrzunehmen und das eigene erzieherische Handeln bewusst darauf abzustimmen. Das gilt für die Familie, aber auch für die Kindertagesbetreuung.

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