Eher zufällig kam ich vor einigen Jahren zur Beschäftigung mit der Historie der Kindheitspädagogik, als ich zusammen mit einer Kollegin die traditionsreiche Ausbildungsgeschichte zur Kindergärtnerin und Erzieherin in Trier aufarbeitete. Ich war beeindruckt von den begeisterten Anfängen in einem neuen Beruf vor über hundert Jahren und tief bewegt von den Gesprächen mit hochaltrigen Zeitzeuginnen, die auf ihren Beruf stolz waren, weil er ihnen Wertschätzung als Professionelle vermittelte und eine Befreiung von traditionellen Aufgaben und Rollenerwartungen ermöglichte. Die Kenntnis der Vergangenheit hilft mir sehr, Gegenwärtiges einzuordnen. Deshalb werde ich ab und an für diesen Blog auch einen professionsgeschichtlichen Beitrag verfassen.
Romanprojekt: Ein Frauenleben zwischen Aufbruch und politischer Vereinnahmung
Zurzeit arbeite ich an einem biografischen Roman über eine Absolventin eines katholischen Kindergärtnerinnenseminars im Jahr 1926, die dann noch eine Qualifikation zur Jugendleiterin absolvierte. Ihre Lebensgeschichte steht exemplarisch für die Verberuflichung bürgerlicher Frauen vor rund hundert Jahren, für den Aufbruch in ein eigenständiges Berufsleben, getragen von einem neuen Selbstverständnis und dem Anspruch, sozial wirksam zu sein.
Doch dieser Weg ist im Fall der Protagonistin nicht nur von pädagogischem Idealismus geprägt. Als älteste Tochter übernimmt sie früh Verantwortung für ihren geistig behinderten Bruder. Ihr persönliches Engagement und ihre Familie geraten zunehmend in Spannung zu einem NS-Staat, der immer stärker in private und berufliche Lebensbereiche eingreift – regulierend, kontrollierend und existenziell bedrohlich.
Der Roman verbindet meine historischen Recherchen in Trier und Freiburg aus den Jahren 2019 bis 2022 mit mündlich überlieferten Erinnerungen und Dokumenten aus dem Familienbesitz des Neffen der Protagonistin. Auf dieser Grundlage entsteht (hoffentlich) eine Annäherung an ein Frauenleben zwischen Aufbruch, Pflicht und politischer Vereinnahmung.
In Teilen habe ich an dem biografischen Roman, der die historischen Fakten fiktionalisiert erzählt, bereits vor zwei Jahren gearbeitet, musste ihn jedoch zunächst beiseitelegen und finde nun im Jahr 2026 die Zeit, ihn abzuschließen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen erfolgte der Abschluss der Protagonistin als Kindergärtnerin 1926 in Trier – also vor genau 100 Jahren. Zum anderen zeigt eine Ausstellung über die Weimarer Republik im Trierer Stadtmuseum jene Fotografien, die die Seminaristin vor einem Jahrhundert mit der Kamera ihres Vaters während der Ausbildung aufnahm.
Bei der erneuten Beschäftigung mit den Quellen blätterte ich dieser Tage wieder in den digitalisierten historischen Dokumenten und entdeckte, dass das Abschlusszeugnis der Protagonistin auf den 10. März 1926 datiert ist. Die Schuljahre gingen damals von Ostern bis Ostern. Das ist Anlass, taggenau 100 Jahre später, einen kurzen historischen Beitrag zur Ausbildung zur Kindergärtnerin und Jugendleiterin zu veröffentlichen. Diese Berufe sind Vorläuferinnen der heutigen Ausbildung zur Erzieherin sowie des Studiums der Kindheitspädagogik an Hochschulen für angewandte Wissenschaften.
Wie war die Ausbildung zur Kindergärtnerin vor 100 Jahren?
Kindergärtnerin wurde man nach einem einjährigen Kurs, den junge Frauen im Anschluss an ein Lyzeum und eine einjährige Frauenschule absolvierten. Morgens ging es ins Seminar – in diesem Fall in Trägerschaft eines Frauenordens, der sich besonders der Mädchenbildung verschrieben hatte –, nachmittags in den Kindergarten, sechs Tage in der Woche. Der Kirchenbesuch am Sonntag wurde überprüft.
Und dennoch eröffnet sich hinter diesem strengen äußeren Rahmen eine große Chance für persönliche Entwicklung und Emanzipation für junge katholische Frauen in der Weimarer Republik. Das lässt sich erkunden, wenn man die Quellen kennt – etwa Zeugnisse, Konferenzberichte oder Reden – oder die überlieferten Fotografien interpretiert.
Das wird besonders am Beispiel des Seminars der Protagonistin deutlich. Das Trierer Seminar war keineswegs irgendeine Ausbildungsstätte: Die Schulleiterin, die Ursuline Catharina Wetzel, gründete es 1920, damit war es eines der ersten katholischen Seminare im damaligen Preußen. Bereits 1925 rief sie gemeinsam mit Maria Kiene, Referentin für Kinderfürsorge im Deutschen Caritasverband, eine reichsweite Arbeitsgemeinschaft der katholischen Kindergärtnerinnenseminare ins Leben und übernahm in den ersten Jahren deren Vorsitz. Der Verbund existiert bis heute als Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsstätten für Erzieherinnen und Erzieher (BAG-KAE).
Was wurde damals unterrichtet und im Abschlusszeugnis dokumentiertt? Die theoretischen Fächer waren Erziehungslehre, Kindergartenlehre, Natur- und Kulturkunde sowie das Verfassen einer schriftlichen Arbeit. Die sogenannten technischen Fächer umfassten Bewegungsspiel und Turnen, Beschäftigungsunterricht, Nadelarbeit, Modellieren, Ausschneiden und Zeichnen sowie Gesang und Musik. Die praktischen Fächer bestanden aus der Arbeit im Kindergarten, einer Beschäftigungsprobe sowie Haus- und Gartenarbeit.
Der Kurs befähigte – zusammen mit dem Jahr an der Frauenschule – zur Arbeit in Familien oder kleineren Kindergärten. Ab 1928 wurde die Ausbildung zweijährig und qualifizierte gleichermaßen für Kindergärten und Horte. Wer sich weiterbilden wollte, konnte eines der wenigen Jugendleiterinnenseminare besuchen.
Wie war die Ausbildung zur Jugendleiterin vor 100 Jahren?
Die Protagonistin meines Romans beschritt 1929/30 diesen beruflichen Weg. Auch hier traf sie in Freiburg auf ein neu gegründetes Seminar. Die bereits erwähnte Caritas-Referentin Maria Kiene gründete 1927 in der Zentrale des Deutschen Caritasverbandes ein Jugendleiterinnenseminar, in dem junge Frauen aus dem gesamten Reichsgebiet zusammenkamen.
Die Ausbildung zur Jugendleiterin war eine Fortbildung für berufserfahrene Kindergärtnerinnen, die innerhalb eines Jahres erweiterte Qualifikationen erwerben wollten: für die Leitung größerer Kindergärten und Kinderheime sowie für das Unterrichten an Frauenschulen und Kindergärtnerinnenseminaren.
Stundenpläne, Klassenkonferenzen und Dozentenlisten des Freiburger Jugendleiterinnen-Seminars machen deutlich, wie hoch der Anspruch war. Neun Stunden Unterricht am Tag waren möglich, zusätzlich wurden täglich drei Stunden Selbststudium erwartet. Die Dozenten waren häufig Referenten der Caritaszentrale in Freiburg oder der Universität. Sie lehrten im Vorlesungsstil Praktische Erziehungslehre, Berufskunde, Jugend- und Volksliteratur, Religion, Jugendwohlfahrt, Psychologie, Praktische Pädagogik, Unterrichtslehre, Gesundheitslehre, Caritaskunde, Wohlfahrtspflege, Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik. Lediglich die Fächer Modellieren, Zeichnen, Handfertigkeit, Spiele und Leibesübungen wurden von einer ausgebildeten Jugendleiterin unterrichtet.
Dass die Arbeitsbelastung hoch war, zeigen die Protokolle: Die Beschwerde der Seminaristinnen, sie müssten zu viel arbeiten, wurde in der Klassenkonferenz erörtert – die entsprechenden Dokumente konnte ich im Caritas-Archiv in Freiburg einsehen. Der Vorschlag in Absprache mit dem Dozenten für Gesundheitslehre lautete, die Seminaristinnen sollten täglich eine Stunde spazieren gehen. Dann lasse sich die Belastung bewältigen.
Wie ging es mit den beiden Ausbildungen weiter?
Wie bereits erwähnt, wurde 1928 die zweijährige Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin über die Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus und in West- und Ostdeutschland beibehalten. Erst nach 2000 fand eine grundlegende Reform statt, die bei einem mittleren Berufsabschluss einen sozialpädagogischen Vorlauf (meist: Staatlich anerkannte:r Sozialassistent:in) erforderte. Zusammen mit der zweijährigen Fachschulausbildung zur Erzieherin und dem einjährigens Berufspraktikum verlängerte sich die Ausbildung in den letzten 100 Jahren demnach von einem Jahr (1926) auf mindestens vier, in den meisten Ländern auf fünf Jahre (2026).
Was wurde aus der Ausbildung zur Jugendleiterin, dem „Meisterbrief“ der Kindergärtnerin? Schon Ende der 1960er Jahre wurden aus den Jugendleiterinnen-Seminaren die Höheren Fachschulen, aus denen dann ab 1970 die Fachhochschulen hervorgingen. Dort konnte Sozialpädagogik und Sozialarbeit studiert werden, ab 1990 dann auch in den Bundesländern der ehemaligen DDR. Seit 2004 wird Kindheitspädagogik zum Studienfach.
Mich fasziniert die Ausbildungsgeschichte so sehr, dass ich sie nun mit einer berührenden Familiengeschichte verbinden möchte und an dem erwähnten biografischen Roman arbeite. Er soll im Sommer dieses Jahres erscheinen.
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