Fachartikel: „Agency“: Kinder nur als Akteure? Zeit für eine kritische Analyse!

Es gibt eine Unzahl interessanter und auch für die Praxis aufschlussreicher Fachbeiträge, die allerdings in einem kleinen Kreis von Wissenschaftsschaffenden verbleiben. Immer wieder möchte ich in diesem Blog deshalb Fachartikel vorstellen, die den Diskurs um die Pädagogik in Kitas versachlichen.

Heute geht es um das populäre Agency-Konzept, das in einem Aufsatz von Wilfried Smidt und Elmar Drieschner mehrperspektivisch betrachtet wurde. Im Original ist der Beitrag 2022 in einem Sammelband auf Englisch publiziert worden und heißt: “Agency and Participation: A Critique of the Epistemological, Psychological, Pedagogical, and Ethical Premises”.[1]  Die Autoren kritisieren unter Einbezug verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven ein überfokussiertes Agency-Konzept im pädagogischen Umgang mit Kindern. Der Artikel ist theoretisch ausgesprochen kundig verfasst, ich akzentuiere die wichtigsten Aussagen.

Über die Autoren

Wilfried Smidt ist Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Frühkindliche Bildung an der Universität Innsbruck. Seine Forschung konzentriert sich insbesondere auf Qualität in der frühen Bildung, Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte und kindliche Entwicklungsprozesse. Elmar Drieschner ist Erziehungswissenschaftler mit Schwerpunkt Allgemeine Pädagogik und Frühkindliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Ihn interessieren Grundfragen, Theorien, Konzepte und Praxistransfer der Erziehungswissenschaft sowie der Pädagogik der frühen Kindheit.

Was ist eigentlich Agency?

Agency kann mit „Handlungsfähigkeit“ oder „gestaltende Handlungsmacht“ – in diesem Fall von Kindern – übersetzt werden. Es ist ein zentrales theoretisches Element einer Kindheitsforschung (international: „Childhood Studies“), die sich als selbstständiger wissenschaftlicher Zugang zum Kind versteht. Anders als in Entwicklungspsychologie oder Sozialisationsforschung werden Kinder dann ausschließlich als eigenständige soziale Akteur:innen, als aktive, kompetente und handlungsfähige Subjekte ihrer eigenen Lebenswelt verstanden.

Ich ergänze: Weniger unter dem Begriff „Agency“ wird dieses Bild vom Kind in die Kita-Praxis getragen, sondern ist unter Begriffen wie „Autonomie des Kindes“, „Prinzip der Freiwilligkeit“, „bedürfnisorientierte Pädagogik“, „Adultismus“ oder „Kinderrechtsansatz“ u.v.m. verbreitet.

Hält das Agency-Konzept epistemologischen Kriterien stand?

Epistemologisch meint erkenntnistheoretisch. Es geht also um die Frage, wie es zu dem Agency-Konzept als Grundlage einer Kita-Pädagogik überhaupt kommt. Allgemein sei vorweggenommen: Es handelt sich um Annahmen über das Kind, normative Setzungen, keine erfahrungswissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse.

Inspiriert von poststrukturalistischen Theorien wird davon ausgegangen, dass gesellschaftliche Diskurse bestimmen, was „Kindheit“ überhaupt bedeutet. Kindheit wird unter den Beteiligten ausgehandelt. Dieses Denken ist eng mit der Kinderrechtsbewegung verbunden und zielt darauf ab, Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern kritisch zu hinterfragen. In der Praxis zeigt sich das etwa in stärkerer Beteiligung von Kindern in Kitas, z. B. bei der Gestaltung des Alltags oder durch Kinderparlamente – bis hin zur Abwertung erwachsener Perspektiven als „Adultismus“, wie ich ergänzen möchte.

Der Text übt Kritik an diesem Ansatz. Ein zentraler Punkt ist, dass Childhood Studies dazu neigen, biologische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse vollständig auszublenden oder explizit abzuwerten. Entwicklungspsychologie wird dabei oft als machtausübend dargestellt, die Kinder in eine Norm pressen möchte.

Zudem wird argumentiert, dass das Agency-Konzept in seiner radikalen Form unrealistisch sein kann: Gerade junge Kinder verfügen noch nicht über die notwendigen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, um komplexe Entscheidungen zu treffen oder Meinungen zu bilden. Hier bestehe die Gefahr, Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen zu verharmlosen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die starke Fokussierung auf Diskurse. Wenn alles als sozial konstruiert gilt, droht laut den Autoren eine Beliebigkeit, bei der empirische Realität vernachlässigt wird.[2]

Hält das Agency-Konzept psychologischen Kriterien stand?

Das Verhältnis zwischen Childhood Studies und Entwicklungspsychologie ist seit Jahren angespannt. Während Childhood Studies Kinder als aktive, kompetente Akteure („Agency“) verstehen, kritisieren sie die Entwicklungspsychologie als zu einseitig und normierend. Ihr wird vorgeworfen, sich an einem „Durchschnittskind“ aus westlichen Mittelschichtsfamilien zu orientieren, kulturelle Vielfalt zu vernachlässigen und Kinder vor allem aus einer Defizitperspektive zu betrachten.

Der Text widerspricht dieser Kritik teilweise deutlich. Entwicklungspsychologie versteht sich nicht als normativ, sondern als empirische Wissenschaft, die Entwicklungsverläufe beschreibt und Unterschiede berücksichtigt. Besonders wichtig ist ihr Beitrag für die Praxis frühkindlicher Bildung, weil die Entwicklungspsychologie fundiert beschreibt, was Kinder in bestimmten Altersphasen typischerweise können – und wo sie Unterstützung benötigen.

Anhand konkreter Beispiele wird gezeigt, dass kindliche Kompetenzen sich schrittweise entwickeln: Kleine Kinder haben zunächst einen begrenzten Wortschatz, können noch nicht abstrakt denken und verstehen oft nicht, dass andere Menschen andere Gedanken oder Überzeugungen haben. Auch moralisches Urteilen ist zunächst einfach strukturiert. Daraus folgt: Die Fähigkeit zur eigenständigen Handlung („Agency“) entsteht erst im Laufe der Entwicklung und ist bei jungen Kindern noch eingeschränkt.

Gleichzeitig betont der Text, dass beide Perspektiven miteinander verbunden werden sollten. Ansätze wie die soziokulturelle Theorie von Vygotsky oder Konzepte wie „Scaffolding“ zeigen, dass Kinder aktiv lernen – aber dabei auf Anleitung und Unterstützung angewiesen sind.

Hält das Agency-Konzept bildungswissenschaftlichen Kriterien stand?

Das Agency-Konzept der Childhood Studies sieht Kinder als kompetente Akteure, die aktiv ihre Umwelt gestalten und Entscheidungen treffen können. Kritiker aus der Bildungswissenschaft betonen jedoch, dass dieses Konzept die tatsächlichen Bildungsbedürfnisse von Kindern vernachlässigt. Kinder sind körperlich und psychisch auch abhängig von Fürsorge, Anleitung und Unterstützung durch Erwachsene. Bildung zielt darauf ab, Kinder vom Nicht-Können zum Können, vom Unwissen zum Wissen und von Unreife zu reflektierter Autonomie zu führen.

Die Childhood Studies betrachten Kindheit vor allem als soziales Konstrukt und messen erzieherische Interaktionen primär an Machtverhältnissen. Dies führt zu einer einseitigen Sicht, die pädagogische Verantwortung als potenzielle Einschränkung der Agency bei Kindern interpretiert. Im Gegensatz dazu betrachtet die Bildungswissenschaft Kindheit als eigenständige Entwicklungsphase mit spezifischen Bedürfnissen. Bildung ist hier ein Prozess, der Kinder schrittweise befähigt, selbstständig und verantwortungsvoll zu handeln.

Forschung zu Erziehungsstilen unterstützt diese Perspektive: Der autoritative Erziehungsstil, der klare Regeln mit emotionaler Wärme und Freiraum verbindet, fördert die kognitive, soziale und moralische Entwicklung, das Selbstwertgefühl und die schulische Leistungsfähigkeit von Kindern. Kinder lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, benötigen dabei aber altersgerechte Orientierung und Unterstützung.

Hält das Agency-Konzept ethischen Kriterien stand?

Konzepte der kindlichen Agency haben in der frühkindlichen Bildung an Bedeutung gewonnen, teilweise erlangen sie den Status eines Glaubenssystems. Dazu passt, dass die Grenzen von Agency oft vernachlässigt werden, ebenso wie ethische Spannungsfelder nicht thematisiert werden.

Kinderrechte, etwa in der UN-Kinderrechtskonvention, fordern eine entwicklungsgemäße Ausgestaltung von Beteiligung, formulieren neben Beteiligungsrechten auch Schutz- und Förderrechte. Gleichzeitig bestehen Konflikte zwischen der Förderung von Autonomie und Schutz, insbesondere bei vulnerablen Kindern. Beispiele aus der deutschen frühkindlichen Bildungsgeschichte, wie die Kinderladenbewegung der 1970er Jahre, zeigen, dass die Betonung kindlicher Selbstbestimmung ethische Probleme hervorrufen kann, wenn der notwendige Schutz der Kinder vernachlässigt wird.

Fazit: Das aktuelle Agency-Konzept vereinfacht unzulänglich

Aus Sicht der Autoren ist das Agency-Konzept einseitig und kann sogar als antipädagogisch eingestuft werden, da es die komplexe, dialektische Struktur frühkindlicher Bildung vernachlässigt. Frühkindliche Bildung muss sowohl die Handlungskompetenz des Kindes fördern als auch seine Abhängigkeit und Verletzlichkeit berücksichtigen. Kinder sind nicht vollständig selbstbestimmt. Ihre Teilnahme an Entscheidungsprozessen endet dort, wo sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes noch Unterstützung und Schutz benötigen. Das zu gestalten, liegt in der Verantwortung Erwachsener.

Ausblick

Weil dieses vereinfachte „Agency“-Konzept die aktuelle Kindheitspädagogik in Deutschland maßgeblich prägt, möchte ich das Thema aufnehmen. In den nächsten Blog-Beiträgen geht es um eine Vervollständigung der Sicht auf das Kind. Nicht die Reduktion auf Agency, sondern nur der Einbezug aller Aspekte, die das Kind beeinflussen, führt zu einer verantwortungsvollen Kita-Pädagogik mit maximalen Handlungsspielraum. Die nächsten Themen sind:

  • Welche angeborenen Merkmale des Kindes sind zu berücksichtigen?
  • Welche Lebensereignisse beeinflussen die Entwicklung des Kindes?
  • Wie entwickelt sich die Autonomie des Kindes?
  • Warum begeistert das Agency-Konzept dermaßen?

[1] Der Artikel ist im Sammelband von R. Spannring et al. (eds.), Institutions and Organizations as Learning Environments for Participation and Democracy bei Springer 2022. Der vollständige Text von Kapitel 2 ist eingestellt unter https://www.researchgate.net/publication/362790708_Agency_and_participation_A_critique_of_the_epistemological_psychological_pedagogical_and_ethical_premises

[2] Ein typisches Beispiel dieser Begrenzung auf Aushandlungsprozesse ist aktuell das Übergangskonzept von der Kita in die Schule, das politisch durchgesetzt werden soll, wie im Beitrag vom 5.3.2026 dargelegt. Entwicklugnspsychologische Aspekte wie die Schulbereitschaft werden nur extrem reduziert oder gar nicht einbezogen.

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