Mehr als nur Agency: Weil Kinder Lebensereignisse und Lebenslagen nicht selbst gestalten

In bislang zwei Beiträgen habe ich versucht, den „Alleinstellungsanspruch“ eines bestimmten Bildes vom Kind zu relativieren, das sich – aus schwer nachvollziehbaren Gründen – in der Mainstream-Frühpädagogik und Bildungspolitik etabliert hat: die Vorstellung von der Entwicklung des Kindes als primär selbstgesteuertem Prozess.

Im Beitrag vom 20.03.2026 habe ich mich auf einen Aufsatz der Erziehungswissenschaftler Professor Smidt und Professor Drieschner bezogen, die das Agency-Konzept in seinen psychologischen, philosophischen und ethischen Grundlagen kritisch beleuchten. Im Beitrag vom 27.03.2026 ging es um angeborene Verhaltensmuster im Entwicklungsgeschehen (z. B. beim Sprechen-, Gehen- und Schreibenlernen), um individuelle Verhaltensstile sowie um diagnostizierbare Beeinträchtigungen. Diese Faktoren werden in der Entwicklungspsychologie als „endogene“, also von innen kommende Einflüsse beschrieben. Sie zeigen deutlich: Entwicklungsförderung muss auch angeborene Tendenzen beachten.[1]

Im vorliegenden Beitrag richtet sich der Blick auf „exogene“, also von außen kommende Entwicklungsfaktoren. Elternverhalten, Lebensereignisse, Lebenslagen beeinflussen das Kind maßgeblich in der Entwicklung, in den Entwicklungschancen und in ihren Handlungskompetenzen, diese im Falle von Risiken überhaupt zu bewältigen.

Auf den ersten Blick mag das trivial erscheinen: Natürlich beeinflussen Lebensereignisse die Entwicklung von Kindern – im Positiven wie im Negativen. Wer diese Einflussfaktoren allerdings nicht genug gewichtet oder gar tabuisiert, vermindert die Möglichkeiten, „von außen“ die Entwicklung von Kindern positiv zu beeinflussen.

Agency stößt bei Umwelteinflüssen an Grenzen

In der Mainstream-Frühpädagogik dominiert das Bild vom Kind als aktivem Gestalter seiner Entwicklung: als Akteur, der selbstbestimmt die Welt erkundet, reflektiert und sich aneignet. Besonders deutlich wird die Unzulänglichkeit dieses Bildes vom Kind, wenn man an belastete Kinder denkt. Kann ein Kleinstkind, ein Kindergarten- oder ein Schulkind zur Entstehung oder Abwendung psychischer Belastungen substanziell beitragen? Diese Annahme erscheint bereits bei Erwachsenen anspruchsvoll – bei Kindern wirkt sie vermessen. Auch das Gegenteil befremdet: Ist das Kind seines Glückes Schmied? Kinder, die durch familiäre Schutzfaktoren oder günstige gesellschaftliche Bedingungen (keine Kriege, eine sozial gerechte Bildungspolitik usw.) sich besonders gut entwickeln können, haben dazu wohl kaum selbst beigetragen. Sie haben Glück gehabt. 

Kinder suchen sich die Bindungskompetenzen ihrer Eltern nicht aus

Kleinstkinder sind in hohem Maße auf intensive Betreuung, körperliche Nähe, sichere Bindung und eine individualisierte Versorgung angewiesen. Feinfühliges, responsives Verhalten der Eltern bildet die Grundlage für sichere Bindungsrepräsentationen, eine zentrale Ressource für psychische Gesundheit. Unsichere oder desorganisierte Bindungsmuster hingegen stehen in engem Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für psychische Störungen. Schwierigkeiten der Eltern im feinfühligen Umgang mit kindlichen Bedürfnissen zeigen sich häufig insbesondere im Umgang mit ausgeprägten Temperamentsmerkmalen des Kindes.[2]

Kinder suchen sich die Erziehungskompetenzen ihrer Eltern nicht aus

Risikokonstellationen entstehen auch durch unzureichende Erziehungskompetenzen oder problematische Erziehungsstile. Dazu zählen unter anderem:

  • strenge und strafende Erziehungspraktiken (z. B. körperliche Bestrafung)
  • inkonsistentes Belohnungs- und Bestrafungsverhalten
  • widersprüchliche oder unzureichend begründete Anweisungen
  • mangelnde Abstimmung zwischen den Eltern
  • geringe emotionale Wärme und Empathie.[3]

Ein entwicklungsförderliches Erziehungsverhalten zeichnet sich hingegen durch emotionale Wärme und klare, strukturierende Rahmenbedingungen aus. In der Klassifikation nach Diana Baumrind entspricht dies dem autoritativen Erziehungsstil. Langzeitstudien zeigen, dass Kinder aus solchen Kontexten langfristig sowohl im sozialen als auch im Leistungsbereich profitieren. Demgegenüber gelten autoritäre, vernachlässigende und auch verwöhnende Erziehungsstile als risikobehaftet für die kindliche Entwicklung.[4]

Kinder suchen sich die Beziehungsmuster in der Familie nicht aus

Auch die systemische Familienpsychologie, besonders die Strukturelle Familientherapie nach Minuchin, verweist auf die Bedeutung von Beziehungsstrukturen. Problematisch ist insbesondere eine misslungene Balance zwischen Nähe und Distanz in Familien.

Dabei lassen sich zwei dysfunktionale Extreme unterscheiden. Beide Muster, übermäßige Nähe („Verstrickte Familien“) wie auch mangelnde Nähe („Losgelöste Familien), stellen Risikofaktoren für die psychische Entwicklung von Kindern dar.

  • Verstrickte Familien
    Diese sind durch eine übermäßige emotionale Nähe und geringe Autonomie gekennzeichnet. Die Grenzen innerhalb der Familie sind diffus, nach außen jedoch starr. Häufig zeigen sich hier überfürsorgliche Verhaltensweisen („Helikoptereltern“), verbunden mit einer starken Angst vor Trennung.
  • Losgelöste Familien
    Hier dominieren Distanz und mangelnde Verbundenheit. Die innerfamiliären Grenzen sind rigide, während die Abgrenzung nach außen unklar bleibt. Emotionale Unterstützung und Fürsorge sind eingeschränkt, im Extremfall kann Kindeswohlgefährdung entstehen. In der Familie sit die stärkste Angst das Entstehen von Nähe.[5]

Kinder suchen sich die Bewältigungskompetenzen ihrer Eltern im Umgang mit Krisen nicht aus

Kritische Lebensereignisse stellen besondere Herausforderungen dar. Sie erfordern erhebliche Anpassungsleistungen und können, insbesondere bei unzureichenden Bewältigungsressourcen, zu chronischem Stress führen. Zu solchen belastenden Ereignissen zählen im Kindesalter beispielsweise:

  • Trennung oder Scheidung der Eltern
  • Tod eines Elternteils
  • Migrationserfahrungen
  • wirtschaftliche Krisen und Arbeitslosigkeit
  • gesellschaftliche Großereignisse wie die Corona-Pandemie

Die Auswirkungen dieser Ereignisse hängen maßgeblich von den Bewältigungskompetenzen der Bezugspersonen ab, nicht von den Kindern selbst.[6]

Kinder sind Traumatisierungen ausgeliefert

Besonders gravierend sind traumatische Erfahrungen wie

  • Gewalt in der Familie
  • Vernachlässigung
  • Kriegserlebnisse und Flucht
  • unbegleitete Migration

Wirken sie traumatisierend, kann es besonders bei Kindern zu stressinduzierten, belastungsbezogene Störungen kommen.

Kinder psychisch kranker Eltern tragen ein erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken, was viel mit der psychosozialen Situation und zu wenig Hilfen für betroffene Kinder zusammenhängt: Denn schwer psychisch kranke Eltern sind in ihrem Versorgungs- und Erziehungsverhalten beeinträchtigt. Mit zunehmendem Lebensalter sind Kinder psychisch kranker Eltern mit erwachsenentypischen Aufgaben und Verantwortung überfordert. Bindungsstörungen entstehen durch Gewalt an Kindern und eine verstörende Beziehungsgestaltung, wie sie bei Persönlichkeitsstörungen der Eltern auftreten.[7]   

Kinder können sich die Kindertagesbetreuung nicht aussuchen

Ob Eltern entscheiden, dass das Kind mit drei Monaten oder mit drei Jahren außerhalb der Familie betreut wird, wie lange der Kita-Tag ist, welches Konzept die Kita verfolgt, wie kompetent dieses umgesetzt wird und ob das Konzept zum Kind passt – auf all diese Entscheidungen hat das Kind keinen Einfuss. Es gehört noch zu den offenen Forschungsfragen oder eher Diskussionsfragen, was, wann, wie die Entwicklung des Kindes unterstützt oder ob auch Risiken aus der Kindertagesbetreuung entstehen können. Oft scheinen arbeitsmarktpolitische und wirtschaftliche Gesichtspunkte wichtiger als eine Orientierung am Kindeswohl.[8]

Ungenutzte Agency pädagogischer Fachkräfte (!)

Wenn Umwelteinflüsse im pädagogischen Diskurs nicht ausreichend berücksichtigt werden, geraten zentrale Wissensbestände über deren systematische Wirkung aus dem Blick. Damit bleibt auch ein erheblicher Teil der Handlungsmöglichkeiten pädagogischer Fachkräfte ungenutzt.

Deren „Agency“ wird aktuell häufig auf Beziehungs- und Kommunikationskompetenz reduziert. Dabei existieren weitere zentrale erzieherische Einflussdimensionen, darunter

  • Grenzsetzungsfähigkeit
  • Förderfähigkeit
  • Vorbildfähigkeit

Diese Aspekte werden in vielen aktuellen Fachpublikationen nur am Rande behandelt, obwohl sie entscheidend für eine positive Entwicklungsbegleitung des Kindes sind.[9]

Hier besteht Anlass zur weiteren fachlichen Reflexion: Wenn wir die Bedeutung exogener Einflussfaktoren ernst nehmen, müssen wir auch die aktiven Gestaltungsmöglichkeiten pädagogischer Fachkräfte wieder in den Blick rücken.


[1] Lohaus, A. & Vierhaus, M. (2019). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Springer. / Siegler, R. S., Saffran, J. R., Gershoff, E. T., & Eisenberg, N. (2022). Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Springer.

[2] Lohaus & Vierhaus, 2019; Siegler et al. (2022). Bakermans-Kranenburg, M. J., Dagan, O., Cárcamo, R. A. & van IJzendoorn, M. H. (2024). Celebrating more than 26,000 adult attachment interviews: Mapping the main adult attachment classifications on personal, social, and clinical status. Attachment & Human Development, 26, 1–38.

[3] Petermann, F. & Petermann, U. (2008). Erziehungskompetenz. Kindheit und Entwicklung, 17(1), 1–10.

[4] Baumrind, D. (1991). Parenting styles and adolescent development. In J. Brooks-Gunn, R. M. Lerner & A. C. Petersen (Eds.), The encyclopedia on adolescence (pp. 746–758). Garland Publishing. / Frick, J. (2018). Die Droge Verwöhnung. Hogrefe.

[5] Minuchin, S. (2015). Familie und Familientherapie: Theorie und Praxis struktureller Familientherapie. Freiburg: Lambertus.

[6] Filipp, S.-H. & Aymanns, P. (2009). Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Zum Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. Kohlhammer.

[7] Schulte, K. & Szota, K. (2024). Traumafolgestörungen im Kindes- und Jugendalter. Kohlhammer. / Mattejat, F. & Remschmidt, H. (2008). Kinder psychisch kranker Eltern. Deutsches Ärzteblatt, 105(23), 413–418. / Lenz, A. (2022). Kinder psychisch kranker Eltern stärken: Informationen zur Förderung von Resilienz in Familien, Kindergarten und Schule. Hogrefe.

[8] Am Beispiel der Krippenbetreuung: Gesellschaft für frühkindliche Bindung e.V. (2025a). https://fruehe-bindung.de

[9] Petermann, F. & Petermann, U. (2008). Erziehungskompetenz. Kindheit und Entwicklung, 17(1), 1–10.


Hinterlasse einen Kommentar