In vielen gegenwärtigen frühpädagogischen Diskursen steht das Bild des Kindes als aktivem Gestalter seiner Entwicklung im Vordergrund: als Akteur, der selbstbestimmt die Welt erkundet, reflektiert und sich aneignet. Dieses Verständnis kindlicher Agency prägt Bildungspläne, fachwissenschaftliche Veröffentlichungen und vielfach auch die Gestaltung pädagogischer Praxis in Kindertageseinrichtungen.
Das Agency-Konzept ist dabei keineswegs falsch. Problematisch wird jedoch, dass es häufig zu einem dominanten und teilweise verengten Bild vom Kind gerät. Aus pädagogischer wie entwicklungspsychologischer Perspektive lässt sich argumentieren, dass kindliche Entwicklung nicht allein aus selbstbestimmter Aktivität heraus verstanden werden kann, wie bereits in den vorherigen Beiträgen diskutiert wurde. Wird Agency zu einseitig betont, kann dies paradoxerweise auch pädagogische Handlungsspielräume verengen, statt sie zu erweitern.
Jedes Konzept erfüllt Funktionen
Neben der Frage nach der theoretischen Tragfähigkeit eines Konzepts lohnt sich auch die Frage, warum bestimmte Perspektiven in fachlichen Diskursen besonders anschlussfähig werden. Aus konstruktivistischer Sicht geht es um die Funktionen, die ein Konzept für diejenigen erfüllt, die es vertreten.
Warum das Agency-Konzept unter Wissenschaftler:innen der Kindheitspädagogik eine so hohe Attraktivität entfalten konnte, habe ich bereits im Beitrag vom 21.4. diskutiert. Eine Ursache liegt vermutlich darin, dass Agency zur Profilbildung der vergleichsweise jungen Disziplin Kindheitspädagogik beigetragen hat – insbesondere in der Abgrenzung zu stärker entwicklungspsychologisch oder sozialisationstheoretisch geprägten Traditionen. Zugleich lässt sich das Konzept gut mit zeitgenössischen Leitvorstellungen wie Partizipation, Subjektorientierung und Modernisierung pädagogischer Praxis erklären.
Die Attraktivität des Agency-Konzepts beschränkt sich jedoch nicht auf wissenschaftliche Diskurse. Auch für pädagogische Fachkräfte kann es in der Praxis anschlussfähig sein – teilweise aus ähnlichen, teilweise aus anderen Gründen. Interessant ist dabei, dass die folgenden Überlegungen nicht allein aus meiner eigenen Perspektive stammen. Sie sind vielmehr Ergebnis von Diskussionen mit dual Studierenden, die der Frage nachgegangen sind, welche Funktionen das Agency-Konzept aus ihrer Sicht im pädagogischen Alltag übernimmt.
Mögliche Gewinne durch das Agency-Konzept in der Praxis
Die Frage nach den Funktionen eines Konzepts stellt sich übrigens unabhängig von seiner theoretischen oder empirischen Gültigkeit. Es geht also nicht primär darum, ob ein Konzept wahr ist, sondern warum es innerhalb eines Feldes konsensfähig werden konnte – selbst dann, wenn zugleich einiges auf problematische Nebenfolgen hindeutet. Anders formuliert: Warum wird an einem Konzept festgehalten, obwohl fraglich ist, ob es in jeder Hinsicht zu günstigen pädagogischen Lösungen führt?
Aufwertung durch Anschlussfähigkeit: Ein erster Grund könnte in der symbolischen Aufwertung pädagogischer Arbeit liegen. Wie bereits für die Wissenschaftler:innen vermutet trifft es sicher auch auf die Fachkräfte zu: Das Agency-Konzept steht für ein modernes und fachlich hoch anschlussfähiges Verständnis von Pädagogik: Partizipation, Selbstbestimmung und das Bild vom kompetenten Kind gelten als Qualitätsmerkmale professionellen Handelns. (Dass der Begriff Qualität unbestimmt, mitunter gar beliebig verwendet wird, sei hier nur angemerkt.)
Damit verändert sich auch das berufliche Selbstbild pädagogischer Fachkräfte. Sie erscheinen nicht mehr primär als Anleitende oder Fördernde, sondern als Begleitende kindlicher Selbstbildungsprozesse. Diese Rolle wirkt vielfach attraktiver, weil sie weniger direktiv, stärker dialogisch und zugleich wissenschaftlich legitimiert erscheint. Wer Agency-orientiert arbeitet, positioniert sich damit zugleich als zeitgemäß und professionell reflektiert. Andere Perspektiven erscheinen demgegenüber schnell als „traditionell“ oder „nicht mehr zeitgemäß“.
Entlastungsfunktion: Eine zweite Funktion des Agency-Konzepts könnte in seiner entlastenden Wirkung im pädagogischen Alltag liegen. Unter Bedingungen von Personalmangel, großen Gruppen und hoher organisatorischer Belastung entsteht häufig ein Spannungsverhältnis zwischen pädagogischem Anspruch und realen Handlungsmöglichkeiten.
Hier kann das Agency-Konzept implizit entlastend wirken: Wenn Kinder als weitgehend selbstgesteuerte Akteure verstanden werden, reduziert sich zumindest teilweise der Druck, pädagogisch zu handeln. Pädagogische Zurückhaltung erscheint dann nicht nur als praktische Notwendigkeit, sondern zugleich als fachlich begründbare Haltung.
Ein typisches Beispiel wäre die Deutung von Situationen, in denen Kinder über längere Zeit weitgehend auf sich selbst gestellt bleiben. Was unter anderen Bedingungen möglicherweise als Mangel an Begleitung oder Beziehungsgestaltung beschrieben würde, kann nun als Ausdruck kindlicher Selbstbildung interpretiert werden.
Individualisierung struktureller Probleme: Ein dritter Punkt betrifft die Verschiebung von Verantwortung. Das Agency-Konzept richtet den Blick stark auf das Kind als handelndes und kompetentes Subjekt. Dadurch geraten strukturelle Bedingungen pädagogischer Praxis leichter aus dem Fokus: Personalschlüssel, institutionelle Routinen, soziale Ungleichheiten oder auch der Einfluss erwachsener Beziehungsgestaltung.
Statt diese Bedingungen stärker zu problematisieren verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf die Aktivität des Kindes selbst. Kinder sollen eigenständig Lösungen finden, Verantwortung übernehmen und ihre Bildungsprozesse möglichst selbst organisieren. Schwierigkeiten erscheinen dann schneller als Ausdruck mangelnder Aktivierung oder Selbststeuerung statt als Folge begrenzender Rahmenbedingungen oder ausbleibender Förderung.
Gerade hier zeigt sich eine gewisse Nähe zu gesellschaftlichen Leitbildern neoliberaler Selbstverantwortung: Auch Kinder geraten zunehmend in die Rolle autonomer Subjekte, die ihre Entwicklung möglichst eigenständig zu gestalten haben. Die Gefahr besteht darin, dass Abhängigkeit, Angewiesenheit und die Bedeutung pädagogischer Führung dabei unterschätzt werden.
Praxisproblem: Uneinheitliche Haltungen
Die entlastenden Funktionen könnten erklären, weshalb sich das Agency-Konzept in der Praxis so breit durchsetzen konnte – trotz der damit verbundenen Ambivalenzen. Die Einführung eines veränderten Bildes vom Kind, insbesondere mit weitreichenden Konsequenzen hinsichtlich Freiwilligkeit, Selbststeuerung und pädagogischer Zurückhaltung, trifft in Teams nämlich häufig auf unterschiedliche pädagogische Grundhaltungen.
In manchen Einrichtungen entstehen daraus Spannungen und Konflikte: etwa zwischen stärker strukturorientierten Fachkräften und Vertreter:innen offener oder konsequent Agency-orientierter Konzepte. Nicht selten werden abweichende pädagogische Positionen dann weniger als legitime fachliche Differenzen behandelt, sondern als Ausdruck mangelnder Professionalität interpretiert. In Teams kann dies Konflikte verschärfen und im ungünstigen Fall sogar Ausgrenzungsdynamiken fördern. Darum soll es in einem weiteren Beitrag genauer gehen.
Fazit
Der Beitrag hat danach gefragt, warum das Agency-Konzept in der Kita-Praxis eine so hohe Attraktivität entfalten konnte. Seine Anschlussfähigkeit erklärt sich offenbar nicht allein aus theoretischen Überlegungen oder empirischen Befunden, sondern auch aus den Funktionen, die es im beruflichen Alltag erfüllt: Es wertet pädagogische Arbeit symbolisch auf, entlastet unter schwierigen Rahmenbedingungen und verschiebt Verantwortung stärker auf die Selbststeuerung des Kindes. Zugleich entlastet es Fachkräfte in ihrer eigenen pädagogischen Agency, weil Zurückhaltung, Offenheit und Nicht-Intervention fachlich legitimiert erscheinen können.
Aus konstruktivistischer Perspektive richtet sich der Blick damit weniger auf die Frage, ob ein Konzept einfach „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern darauf, welche Wirkungen und Entlastungen es erzeugt und warum sich darüber fachliche Konsense bilden konnten. Konsens entsteht nicht zwangsläufig deshalb, weil sich die theoretisch oder praktisch beste Perspektive durchsetzt, sondern oft auch deshalb, weil bestimmte Sichtweisen institutionell, emotional oder professionell besonders anschlussfähig sind.
Gerade deshalb sollte die aktuelle Dominanz des Agency-Konzepts nicht vorschnell mit seiner Überlegenheit verwechselt werden. Die entscheidende Frage lautet möglicherweise nicht, ob Kinder Agency besitzen – das tun sie selbstverständlich –, sondern ob das gegenwärtige Verständnis von Agency noch ausreichend berücksichtigt, wie sehr kindliche Entwicklung zugleich auf Beziehung, Anleitung, Resonanz und verantwortliche pädagogische Führung angewiesen bleibt.
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