Weshalb sich so viele in das Agency-Konzept verlieben – Teil 1: Wissenschaftler:innen

In der aktuellen Mainstream-Frühpädagogik dominiert das Bild vom Kind als aktivem Gestalter seiner Entwicklung: als Akteur, der selbstbestimmt die Welt erkundet, reflektiert und sich aneignet. So steht es in Bildungsplänen, so steht es in Fachzeitschriften, und so prägt es die Kita-Praxis in der Beziehung zum Kind.

Das Agency-Konzept ist dabei nicht falsch. Es zeichnet jedoch ein reduziertes Bild vom Kind, das aus wissenschaftlicher Perspektive nicht haltbar ist, wie unter Rekurs auf die Professoren Smidt und Drieschner im Beitrag vom 20.03.2026 ausgeführt wurde. In den Beiträgen vom 27.02.2026 und 12.04.2026 wurde zudem deutlich: Das Kind wird selbstverständlich auch durch angeborene Merkmale beeinflusst, und seine Entwicklung erschließt sich erst im Zusammenspiel mit Umweltereignissen wie Erziehung, Lebensereignissen und Lebenslagen. Das steht in jedem entwicklungspsychologischen Lehrbuch in Kapitel 1.

Nur wer das Kind aus mehreren Perspektiven betrachtet, bleibt in der Gestaltung pädagogischer Lösungen flexibel. Dann geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Davon ist die Kindheitspädagogik als Disziplin wie auch in der Praxis derzeit in weiten Teilen entfernt. Angesichts der anhaltenden Probleme im Kita-System stellt sich daher eine naheliegende Frage: Warum halten so viele Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen an einem Verständnis vom Kind fest, das offensichtlich einseitig ist und den Möglichkeitsraum pädagogischen Handelns begrenzt?

Die Gründe liegen weniger in der empirischen Gültigkeit des Agency-Konzepts als in seinen Funktionen für unterschiedliche Akteursgruppen, so die Annahme in diesem und dem folgenden Blogbeitrag. In Teil 1 geht es um die Wissenschaftler:innen, in Teil 2 um die Fachkräfte in der Kita-Praxis.

Der Begriff des „Verliebens“ in der Überschrift ist bewusst gewählt: In der systemischen Beratung beschreibt er die Tendenz, eine bestimmte Erklärung, Lösung oder Geschichte zu bevorzugen, obwohl auch andere möglich wären. In diese eine Version „verlieben“ wir uns gewissermaßen. Allerdings trägt sie nicht unbedingt zur Lösung des Problems bei – manchmal hält sie sogar das Problem aufrecht. Denn eigentlich geht es um etwas anderes.

Welche Funktion könnte das Agency-Konzept für Wissenschaftler:innen der Kindheitspädagogik erfüllen?

Agency als Gegenbewegung: Ein zentraler Hintergrund ist eine bewusste Gegenbewegung zu älteren entwicklungspsychologischen Traditionen. In klassischen Ansätzen – etwa bei Jean Piaget oder in normorientierten Reifungsmodellen – wurde das Kind häufig als „noch nicht fertig“ betrachtet. Das Agency-Konzept stellt diesem Verständnis eine bewusst kontrastierende Perspektive entgegen: Kinder werden allein als kompetent, aktiv und nach Autonomie strebend beschrieben. Diese Verschiebung ist auch politisch und ethisch gestützt, etwa im Kontext der Kinderrechte und inklusionspolitischer Diskurse.

Gegenbewegungen sind historisch nicht neu. Bereits in der Frühpädagogik der 1970er Jahre wurden Reifungstheorien durch stärker umweltorientierte Ansätze abgelöst. Die „Kindergärtnerin“, die Entwicklung durch Pflege und Abwarten auf die Entfaltung der Anlagen beim Kind begleitete, wurde sogar in der Berufsbezeichnung durch die „Erzieherin“ ersetzt, die gezielt förderte. Der in der ersten Bildungsreform der 1970er Jahre in der damaligen BRD eingeführte Funktionsansatz brachte als Gegenbewegung den Situationsansatz und reformpädagogische Ansätze hervor. Heute wird als Gegenbewegung das handlungskompetente Kind fokussiert.

Auffällig ist dabei ein wiederkehrendes Muster: Gegenbewegungen neigen dazu, das Vorherige nicht nur zu kritisieren, sondern in aller Gänze abzuwerten, um das Neue übertrieben und exklusiv zu verfolgen. Um Ausgewogenheit und Multiperspektivität geht es dabei nicht.

Agency als Instrument disziplinärer Positionierung: Ein zweiter Grund für die Attraktivität des Agency-Konzepts liegt in der sozialwissenschaftlichen Wende der Kindheitsforschung in den letzten Jahrzehnten. Kindheit wird nicht mehr primär als biologisch gesteuerter Entwicklungsprozess verstanden, sondern als sozial konstruiertes, prinzipiell aushandelbares Phänomen. Die aktuelle Kindheitspädagogik als relativ neue Disziplin, die sich an Hochschulen für angewandte Wissenschaften seit den frühen 2000er Jahren etabliert, stützt sich auf diese Vorstellungen. Forschung, Politikberatung und Konzeptentwicklung für Kindertageseinrichtungen, die früher häufig an außeruniversitären Instituten erfolgten, werden zunehmend innerhalb der Disziplin der Kindheitspädagogik selbst organisiert. Damit entsteht jedoch auch eine normativ aufgeladene Fachkultur, die sich deutlich von ihren Bezugswissenschaften abgrenzt. Agency ist in diesem Zusammenhang dann weniger ein analytischer Begriff, sondern wird zum identitätsstiftenden Element dieser neuen Disziplin. Um Kooperation mit Nachbardiziplinen geht es hier nicht, bisweilen geht es um nichts anderes als um Macht im Feld der Kindertagesbetreuung.

Agency als Ausdruck von Modernität: Hinzu kommt, dass Agency ein ausgesprochen positiv aufgeladenes Konzept ist. Es lässt sich problemlos in Leitbilder, Bildungspläne und politische Programme übersetzen. Gerade diese Anschlussfähigkeit macht es attraktiv. Agency fungiert daher weniger als präzise Beschreibung dessen, was in pädagogischer Praxis tatsächlich geschieht, sondern eher als programmatisches Leitbild. Sich damit in Verbindung zu bringen, wirkt positiv, modern, unter Rekurs auf Kinderrechtsdebatten auch rechtskonform und moralisch integer.

Agency trotz widersprüchlicher Praxis: Die Kita kommt nicht zur Ruhe. Positive Entwicklungen zeigen sich nicht, weder für die Berufstätigen noch für die nachfolgenden Bildungseinrichtungen. Viele Wissenschaftler:innen dürften durchaus wahrnehmen, dass die strukturellen Bedingungen pädagogischer Praxis häufig nicht mit den Annahmen des Agency-Konzepts übereinstimmen oder ahnen, dass die Perspektiven anderer Disziplinen nicht einfach nur zu ignorieren sind. Für diese Widersprüche finden sich dann aber Erklärungen, die die kogntivie Dissonanz reduzieren: die schlechte Umsetzung, Personalmangel, das schlecht ausgebildete Personal, die altmodischen Theorien der anderen Disziplinen, die hohen Anforderungen einen inklusiven Gesellschaft etc. etc. … So können Wissenschaftler:innen trotz widersprechender Praxis am Agency-Konzept in der Kindertagesstätte festhalten.

Ein Grund, am Konzept festzuhalten, besteht nicht zuletzt auch darin, dass über Jahre hinweg erhebliche wissenschaftliche und institutionelle Investitionen – das heißt viel Geld – in entsprechende Forschungsprogramme, Theoriebildungen und Leitbilder geflossen sind. Das Aufgeben des Konzepts bzw. eine Erweiterung des Bildes vom Kind würde nicht nur theoretische Positionen infrage stellen, sondern auch die eigene wissenschaftliche Arbeit retrospektiv entwerten. Das zuzugeben, erfordert Mut. Gerne zitiere ich an dieser Stelle Professorin Susanne Viernickel, die im Jahr 2022 kritisch auf die Qualitätsforschung zurückblickte:

„Trotz der seit den ersten Qualitätsstudien von Tietze et al. (1998) stark gestiegenen Sensibilisierung für die Bedeutung eines qualitativ hochwertigen Systems frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung sowie beachtlicher Investitionen in den Ausbau, die Ausbildung, das Personal und die Forschung … kann dessen Qualität in Deutschland weder in struktureller und prozessualer Hinsicht noch auf der Ebene der gewünschten Outcomes überzeugen.“ (S. 468) [1]

Fazit

Die Attraktivität des Agency-Konzepts liegt weniger in seiner empirischen Präzision als in seiner Funktionalität. Mit Blick auf die Wissenschaftler:innen heißt dies: Es dient als Gegenentwurf zu (angeblich) defizitorientierten Theorien, als Instrument disziplinärer Profilbildung der neuen Kindheitspädagogik an Hochschulen für angewandte Wissenschaften, als normativ anschlussfähiges Leitbild und als Stabilisierung bestehender wissenschaftlicher Orientierungen. Gerade diese Funktionen könnten erklären, weshalb sich das Konzept so erfolgreich etablieren konnte  und weshalb Kritik daran bislang vergleichsweise begrenzt bleibt – mitunter von einschlägigen kindheitspädagogischen Organisationen auch heftig bekämpft wird.

Mit dem Kybernetiker und Physiker Heinz von Foerster, würde man in der systemischen Beratungspraxis der Kindheitspädagogik als Wissenscahft also raten: „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten größer wird“. Oder eher: Denke über Kinder so komplex, dass sich die Anzahl der pädagogischen Fördermöglichkeiten erhöht.


[1] Viernickel, S. (2022). Qualität in Kindertageseinrichtungen. In H. Reinders, D. Bergs-Winkels, A. Prochnow, I. Post (Hrsg.), Empirische Bildungsforschung (S. 453-474). Springer VS. (Zitat auf S. 468)

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