Aus einem Fachartikel: Was Kindern mit Konzentrationsschwächen wirklich hilft!

Es gibt eine Unzahl interessanter und auch für die Praxis aufschlussreicher Fachbeiträge, die allerdings in einem kleinen Kreis von Wissenschaftsschaffenden verbleiben. Immer wieder möchte ich in diesem Blog deshalb Fachartikel vorstellen, die den Diskurs um die Pädagogik in Kitas versachlichen.

Studien zur Konzentrationsförderung bei Kindern

Heute geht es um Studien des Psychologen Günter Krampen zur Konzentrationsförderung, die bereits 2008 veröffentlicht wurden. Obgleich Krampen schon in den späten 1980ern mein Hochschullehrer an der Universität Trier war, wusste ich damals nicht, dass er sich auch Themen der Pädagogischen Psychologie in der Kindertagesbetreuung gewidmet hatte, die noch heute aktuell sind, vielleicht sogar aktueller als zum Erscheinen vor knapp 20 Jahren: Wie kann es gelingen, die Konzentration zu fördern, wenn Kita-Kinder erkennbare Förderbedarfe haben? Sind therapeutische Programme der Alltagsförderung überlegen? Wie muss Alltagsförderung umgesetzt werden, damit sie erfolgreich ist?

Der Artikel „Zum Einfluss pädagogisch-psychologischer Interventionen auf die Konzentrationsleistungen von Vor- und Grundschulkindern mit Konzentrationsschwächen“ erschien 2008 in „Psychologie in Erziehung und Bildung“.[1]

Über den Autor

Günter Krampen (1950-2023) war ein deutscher Psychologe und Hochschullehrer, der insbesondere in den Bereichen Entwicklungspsychologie, Pädagogische Psychologie und Forschungsmethodik tätig war. Seine Forschung verbindet theoretische Ansätze mit praxisnahen Fördermaßnahmen im Bildungsbereich. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor an der Universität Trier und neben vielen Aufgaben und Verantwortlichkeiten auch Direktor des Leibniz-Instituts für Psychologie (ZPID).

Über die Studien

Krampen untersucht in seinen Studien den Einfluss verschiedener pädagogisch-psychologischer Maßnahmen auf die Konzentrationsleistungen von Vor- und Grundschulkindern mit ausgeprägten Konzentrationsschwächen. Ziel der Arbeit war es, herauszufinden, welche Fördermaßnahmen kurzfristig und mittelfristig zu einer Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit beitragen können. Die Untersuchung basiert auf insgesamt zehn experimentellen Studien, die mit Kindern im Alter von drei bis acht Jahren durchgeführt wurden.

An den Untersuchungen nahmen insgesamt 374 Kinder teil, darunter 292 Kindergartenkinder sowie 82 Kinder der ersten und zweiten Grundschulklasse. Alle Kinder wiesen deutliche Konzentrationsschwierigkeiten auf, die mithilfe der „Kaseler-Konzentrations-Aufgabe“ (KKA) diagnostiziert wurden. Bei der Aufgabe müssen Kinder über einen bestimmten Zeitraum ähnliche Symbole, Bilder oder Zeichen vergleichen und bestimmte Zielreize markieren. Dadurch wird gemessen, wie gut sie ihre Konzentration aufrechterhalten und Ablenkungen vermeiden können. Als Kriterium galt ein Prozentrangwert unter 10, was auf erhebliche Konzentrationsdefizite hinweist. Die Kinder wurden zufällig entweder einer Experimentalgruppe oder einer Wartelisten-Kontrollgruppe zugeordnet. Die Wartelisten-Kontrollgruppe diente als Vergleichsgruppe und erhielt die Förderung erst zu einem späteren Zeitpunkt. Nach den jeweiligen Maßnahmen wurde die Konzentrationsleistung erneut mit der KKA gemessen. In einigen Studien erfolgten zusätzliche Nachuntersuchungen, um die Stabilität der Effekte über die Zeit zu überprüfen.

Die zehn untersuchten Maßnahmen zur Konzentrationsförderung unterschieden sich deutlich hinsichtlich Dauer, Inhalt und sozialer Rahmenbedingungen. Zu den Maßnahmen gehörten unter anderem tägliches Bilderbuchlesen mit Eltern oder Erzieherinnen, verschiedene Konzentrationsspiele wie Mikado und Memory, Entspannungsübungen, Autogenes Training, Progressive Relaxation sowie das Marburger Konzentrationstraining (MKT). Die Interventionen dauerten meist mehrere Wochen.

Die Ergebnisse zeigen, dass viele Maßnahmen hochwirksam waren – alltägliche Fördermaßnahmen nahezu ebenso wie zusätzliche therapeutische Angebote. Besonders erfolgreich erwiesen sich

  • das tägliche 30-minütige Bilderbuchlesen mit Erwachsenen über drei Wochen, seien es die Eltern zu Hause oder die Erzieherinnen in der Einrichtung (Studien 1 und 2),
  • das tägliche 30-minütige Mikado- und Memoryspiel über zwei Wochen mit Betreuungspersonen (Studien 3 und 4), allerdings nicht in einer reinen Kindergruppe (Studie 6),
  • das Autogene Training und das Marburger Konzentrationstraining, die über sechs Wochen stattfanden und entweder täglich oder zweimal pro Woche angeboten wurden (Studien 9 und 10), nicht allerdings ein zweiwöchiges tägliches Angebot an Phantasiereisen (Studie 7).

Die Verbesserungen waren außergewöhnlich stark und deutlich größer als in vielen anderen Bildungsstudien. So erzielten die alltagsbezogenen Fördermaßnahmen bei Kita-Kindern Effektstärken zwischen d = 1,7 und d = 1,9, bei den additiven Färdermaßnahmen wie dem Autogenen Training oder dem Marburger Konzentrationstraining, die über mehrere Wochen bei den Grundschulkindern durchgeführt wurden, Effektstärken von d = 2,1.

Die Effektstärke beschreibt, wie stark eine Maßnahme oder ein Einfluss tatsächlich wirkt – also nicht nur, ob es einen Unterschied gibt, sondern wie groß dieser Unterschied ist. Zum Vergleich: Die meisten Kita-Studien kommen nur auf „kleine Effekte“ mit d < 0,3, was kaum überzeugende Lerneffekte darstellen lässt. Und man muss nicht statistisch geschult sein, um zu erkennen, dass die erzielten Lerneffekte in den Studien zur Konzentrationsförderung, über die Krampen berichtete, im Vergleich dazu außergewöhnlich hoch sind. Es handelt sich um sogenannte „große“, also praktisch bedeutsame Effekte. Da „große Effekte“ schon bei ungefähr d = 0,8 beginnen, könnte man sogar von übergroßen Effekten sprechen. Teilweise konnten die positiven Effekte auch noch bei späteren Nachmessungen festgestellt werden, insbesondere beim Autogenen Training und beim Marburger Konzentrationstraining.

Zwei der zehn Interventionen – Mikado-Spielen mit Gleichaltrigen und Progressive Relaxation (Studien 5 und 9) – mussten sogar wegen mangelnder Teilnahmebereitschaft vorzeitig abgebrochen werden.

Was bedeutet das für die Kita-Praxis?

Die publizierten Studien liefern noch heute wertvolle Hinweise für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern im Umgang mit konzentrationsschwachen Kindern. Insgesamt verdeutlicht der Beitrag, dass Konzentrationsschwierigkeiten bei jungen Kindern durch gezielte pädagogisch-psychologische Maßnahmen positiv beeinflusst werden können. Besonders wirksam scheinen strukturierte, regelmäßig durchgeführte Maßnahmen zu sein, die von Erwachsenen begleitet werden. Daraus schließt Krampen, dass die Qualität der Anleitung und die Einbindung erwachsener Bezugspersonen eine zentrale Rolle für den Erfolg solcher Fördermaßnahmen spielen. Die Arbeit hebt außerdem hervor, wie wichtig die frühzeitige Förderung im Vorschul- und Grundschulalter ist, um langfristige Lern- und Konzentrationsprobleme zu vermeiden.

Überträgt man diese Studie auf die heutige Kita-Pädagogik mit ihrem teilweise übersteigerten Autonomieverständnis beim Lernen im Kindesalter, ergeben sich weitere Schlussfolgerungen. Förderung gelingt insbesondere dann, wenn Erwachsene Verantwortung für die Förderung übernehmen und diese kindgemäß gestalten. Dies kann sowohl alltagsintegriert als auch additiv erfolgen.

Eine stark agency-orientierte Kindheitspädagogik mit ihrem Fokus auf Freiwilligkeit begrenzt dabei unnötig den pädagogischen Handlungsraum, weil Kinder ihre Konzentrationsschwächen weder selbst verursacht haben noch deren Überwindung eigenständig steuern können. Wie die Studie zeigt, gelingt auch der Aufbau von Konzentration in reinen Kindergruppen deutlich weniger gut.

Bereits der Entwicklungspsychologe Wygotski beschrieb in seiner sozio-kulturellen Theorie der kognitiven Entwicklung mit dem Konzept der „Zone der nächsten Entwicklung“, dass Kinder viele Fähigkeiten zunächst nur mit Unterstützung kompetenterer Anderer entwickeln können. Aufmerksamkeit und Konzentration entstehen demnach nicht isoliert im Kind, sondern werden in sozialen Interaktionen aufgebaut und schrittweise internalisiert.

Selbststeuerung entwickelt sich aus angeleiteter sozialer Interaktion.


[1] Krampen, G. (2008). Zum Einfluss pädagogisch-psychologischer Interventionen auf die Konzentrationsleistungen von Vor- und Grundschulkindern mit Konzentrationsschwächen. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 55(3), 196–210.

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