Die Erzieherin als Romanfigur: Gerti Tetzners „Gegen Wind“

Gerti Tetzners Roman mit dem Titel „Gegen Wind“ erzählt von einer Kindergärtnerin, die in der DDR der 1970er Jahre Lebensräume für Kinder schaffen will. Der Roman verbindet am Beispiel dieses Berufs die Themen individuelle Freiheit, pädagogischer Widerstand und politische Repression. Doch wie viel Kindergartenpädagogik steckt tatsächlich in der Geschichte? Eine fachlich inspirierte Rezension über ein bemerkenswertes Buch, seine Widersprüche und eine eigentümliche Sprache.

Die Geschichte der Kindergartenpädagogik wird häufig als „Geschichte der großen Namen“ erzählt. Pestalozzi, Fröbel, Montessori: Im Mittelpunkt stehen die Personen, die pädagogische Ideen geprägt und Institutionen geschaffen haben. Auch die Literatur hat sich dieser Figuren angenommen und in historischen Romanen wird versucht, die Menschen hinter den öffentlichen Personen sichtbar zu machen.

Viel seltener stehen dagegen Kindergärtnerinnen selbst im Mittelpunkt von Professionsgeschichte oder Literatur. Dort, wo sie zur Romanfigur werden, tauchen bestimmte Themen immer wieder auf. Dies ist die Suche nach persönlicher Freiheit, eine stärkere Orientierung am Kind, aber auch Zivilcourage und stiller Widerstand gegen politische Kontrolle. Mittlerweile habe ich schon einige dieser Romane gelesen, die oftmals in der Gründungsphase der Kindergartenpädagogik im 19. Jahrhundert, aber auch in der jüngeren Vergangenheit oder Gegenwart spielen. Nach und nach möchte ich sie hier vorstellen und die Frage stellen, was denn über den Kindergarten erzählt wird, welche Narrative sich über die Berufstätigkeit einer Erzieherin erkennen lassen.

Beginnen möchte ich mit einem aktuellen Beispiel, mit Gerti Tetzners Roman Gegen Wind, der im Sommer 2026 beim Aufbau-Verlag erschienen ist.[1]

Was über den Roman erzählt wird

Dass Gegen Wind heute erscheint, ist bemerkenswert, denn der Roman hat eine Entstehungsgeschichte, die beinahe in Vergessenheit geraten wäre. Gerti Tetzner schrieb ihn bereits zwischen Mitte der 1970er-Jahre und 1981, im Anschluss an ihren Debütroman mit dem Titel Karen W. Die Veröffentlichung des zweiten Romans im Mitteldeutschen Verlag wurde jedoch verhindert. Das Publikationsverbot gilt als politisch motiviert, denn Tetzners erster Roman war sowohl in der DDR als international in den 1970ern ein großer Erfolg gewesen.

Zwar bot der westdeutsche Verlag Luchterhand an, den in der DDR abgelehnten zweiten Roman zu veröffentlichen, doch dafür hätte Tetzner die DDR verlassen müssen. Gemeinsam mit ihrer Tochter wollte sie aber in ihrer Heimat bleiben. Zugleich wollte sie auch verhindern, dass ihre Literatur durch eine Ausreise auf ein Ost-West-Thema reduziert würde.

Ihr zweiter Roman blieb unveröffentlicht und überdauerte das Ende der DDR als Manuskript, das bei einem Literaturwissenschaftler aufbewahrt wurde. Erst nach dessen Tod gelangte es – mehr oder weniger zufällig – wieder in die Hände der Autorin. Rund 45 Jahre nach seiner Entstehung ist Gegen Wind nun erstmals im Aufbau-Verlag erschienen, nachdem dieser ihren ersten Roman neu aufgelegt hatte.[2]

Im Mittelpunkt des Romans steht – folgt man dem Klappentext – die Kindergärtnerin Kristina, die einen Kindergarten in der DDR der 1970er-Jahre leitet. Sie hat ihre eigenen Vorstellungen davon, wie Kinder erzogen werden sollten: Individualität und Fantasie sind ihr wichtig, Kinder sollen nicht lediglich zu angepassten Mitgliedern einer gesellschaftlich vorgegebenen Ordnung erzogen werden. Auf dem Schotterboden des Kindergartens legt sie einen Garten an – eine kleine Oase und zugleich einen Gegenentwurf zu der grauen, normierten Umgebung. „Die Oase“ – so sollte der Roman ursprünglich eigentlich heißen. Der Kindergarten wir im Roman „grünes Haus“ genannt.

Auch Kristinas Wohnung wird zu einem Ort des Austauschs. Freunde und Bekannte gehen dort ein und aus, Gespräche, gemeinsame Zeit und gegenseitige Hilfe bestimmen das private Leben. Sie versuchen nicht nur im Kindergarten einen freien Ort zu schaffen, sondern auch in der grauen Stadt mit Malereien dafür zu sorgen, dass diese bunt und lebenswert wird. Doch je deutlicher Kristina ihre eigenen Vorstellungen von Erziehung und einem selbstbestimmten Leben verfolgt, desto stärker gerät sie in der sozialistischen DDR unter politischen Druck.

Über die Autorin und ihre Romanfiguren

Gerti Tetzner, geboren am 29. November 1936 in Thüringen, studierte Rechtswissenschaften in Leipzig und arbeitete zunächst als Notarin. Weil sie als Richterin nicht im Sinne der Staatsraison urteilen wollte, gab sie den Beruf auf und kam durch die Ermutigung ihres Mannes und die Unterstützung der Schriftstellerin Christa Wolf zum Schreiben. Ab 1969 studierte sie am Literaturinstitut in Leipzig. Ihr Debütroman Karen W. erschien 1974, erzählt nah an ihrer eigenen Lebensgeschichte einen bedürfnisorientierten Neubeginn im Privaten und wurde ein großer Erfolg, in der DDR allerdings auch unterschiedlich aufgenommen. Der Rückzug ins Private und der fehlende Beitrag am Aufbau des Sozialismus führten auch zu kritischen Rezensionen. Nach dem erwähnten Scheitern ihres zweiten Romans zog sich Tetzner weitgehend aus der Literatur zurück und schrieb Kinderbücher.[3]

In verschiedenen Gesprächen, u.a. mit dem Literaturwissenschaftler Carsten Gansel im Anhang der aktuellen Romanausgabe von Gegen Wind, gibt die 90-Jährige Einblick in die Entstehung der Figuren. Die Kindergärtnerin Kristina entwickelte sie in Anlehnung an „Ursel“, eine Freundin aus Schreiblehrgängen für Pädagoginnen, die Tetzner leitete. Sie hatte Gespräche sogar auf Tonbändern aufgenommen und den Roman teilweise bei der Freundin zu Hause geschrieben. Im Umgang mit einer an Ordnung und Autorität ausgerichteten Kindergartenpädagogik in der DDR der 1970er Jahre imponierte Tetzner bei ihrer Freundin „eine Mischung aus Raffinesse und Pragmatik. Sie ist nicht frontal gegen Wände gelaufen, sondern zick-zack und hat dadurch viel erreicht.“[4] Die eigentümliche Entscheidung, die Geschichte Kristinas aus der Sicht von Hinrich, eines männlichen Ich-Erzählers, zu beleuchten, erklärt Tetzner damit, dass sie „das Bedürfnis hatte, mal einen Text aus der männlichen Sicht zu schreiben“, um nicht als „Frauenschreiberin“ zu gelten.[5] Die Figur Hinrichs, des Ich-Erzählers, habe sie einem Leistungssportler abgeschaut, den sie kannte und der „richtig zerstört“ wurde.[6] Bei der Zeichnung der Figur des Hinrich ist sie selbstkritisch: „Heute würde ich sagen, das ist ein bisschen überfrachtet. Ich wollte ganz viel loswerden.“[7] Freundeskreise, die sich frei machten von den Restriktionen des DDR-Regimes, wie sie es mit der Gemeinschaft um Kristina im Roman beschreibt, habe sie selbst so erlebt. Wahrscheinlich spielt sie hier auch auf den Literaturkreis um Christa Wolf an, dem sie angehörte.

Was im Roman über Kita-Pädagogik erzählt wird

Über die Kindergartenpädagogik selbst erfährt man in dem Buch erstaunlich wenig, obwohl der Klappentext dies zunächst suggeriert. Denn – wie bereits angedeutet – steht nicht die Kindergärtnerin Kristina allein im Zentrum des Romans, sondern mindestens gleichermaßen der Ich-Erzähler Hinrich, ein Anstreicher, der Kristina und ihren liberalen Kreis kennenlernt, sich in ihrem Kindergarten engagiert und mit Kristina eine Beziehung eingeht. Weite Teile des Romans kreisen um Hinrich und die Verarbeitung seiner traumatischen Erfahrungen: seine von der Mutter eingeforderte Leistungsorientierung als Schwimmer, die Abwertungserfahrungen im Sportinternat und in der Armee sowie die Frustrationen in seiner inzwischen geschiedenen Ehe.

Erzählt werden seine Perspektive auf das eigene Leben, seine neuen Erfahrungen in der freisinnigen Gemeinschaft um Kristina, seine Wahrnehmung von Kristinas pädagogischer Arbeit und nicht zuletzt seine Gefühle für sie. Die Kindergartenpädagogik erscheint somit vor allem durch Hinrichs Perspektive und im Zusammenhang mit seiner persönlichen Entwicklung. Eine vertiefte literarische Auseinandersetzung mit pädagogischen Konzepten oder der konkreten pädagogischen Praxis bleibt dagegen weitgehend aus.

An verschiedenen Stellen des Romans schildert der Ich-Erzähler, was den Unterschied des „grünen Hauses“ ausmacht, das Kristina über mehrere Jahre aufgebaut hat. Dabei geht es vorrangig um die Gestaltung des Raums. Das Außengelände soll zu einer grünen Oase werden, wozu Bäume und Sträucher, die dem Bauaktivitäten in der Neubausiedlung zum Opfer gefallen wären, durch das Engagement der „grünsüchtigen“[8] Katarina gerettet und im Kindergarten angepflanzt wurden. Der Innenraum soll vor allem aus der Perspektive von Kindern betrachtet und gestaltet werden und diese durch eine bunte Farbgestaltung ansprechen. Dazu sollen die Kinder beitragen und beispielsweise eine großflächige Wand bemalen, die die Kunst am Bau verdecken soll. Das pädagogische Handeln von Katarina wird selten einbezogen. Wenn dies erfolgt, ist es durch Erklärungen gekennzeichnet, um den Kindern die Hintergründe darzustellen, oder durch Zurücknahme, um Kinder nicht zur Nachahmung zu verleiten. Ziel der Pädagogik scheint Autonomie, Fantasie und Kreativität zu sein. Verbindet man diese einschlägigen Passagen im Roman mit Hinweisen auf eine freie Körperlichkeit und der erkennbaren Herrschaftskritik, dann wird deutlich, dass Katarina das anstrebt, was gemeinhin als Antiautoritäre Erziehung bezeichnet wird.

Aus der Perspektive der Ausbildung fällt ein Klischee auf, das der Roman bedient: den Eindruck, eine gute Erzieherin und ein guter Erzieher könne im Grunde jede und jeder sein, eine spezifische Ausbildung oder theoretische Kenntnisse seien dafür nicht notwendig. So wird hervorgehoben, dass Kristina keine pädagogischen Theorien, etwa die von Maria Montessori oder Rudolf Steiner gelesen habe, als sie ihren freiheitlichen Kindergarten entwickelte. Sie habe vielmehr auf ihre innere Stimme gehört und sich an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Immer wieder wird darauf angespielt, wie wichtig es sei, selbst Kind zu bleiben oder sich das Kindsein bewahrt zu haben wie Kristina. Hinrich erkennt, dass der Umgang mit Kindern verhilft, das eigene nicht ausgelebte Kind zu entdecken.

Als Alternative zur programmatisch ausgerichteten Kindergartenpädagogik der DDR mag dieses intuitive Vorgehen bei Kristina – gerade vor dem Hintergrund ihrer Ausbildung und Erfahrung – noch plausibel erscheinen. Problematischer wird es dort, wo dieses Prinzip auf Hinrich übertragen wird. Auch der in der Kindheit gegängelte, sich verweigernde und lethargische Anstreicher erweist sich als jemand, der „Kindergarten kann“. Kristina stellt ihn ohne einschlägige pädagogische Qualifikation ein, und ausgerechnet er entwickelt eine besondere Sensibilität für die kindliche Perspektive. So kommt er etwa auf die Idee, die Räume in Hockstellung zu erkunden, um sie aus der Perspektive der Kinder wahrzunehmen. Die vereinzelten Szenen vermitteln damit die Vorstellung, pädagogische Kompetenz könne sich unabhängig von Ausbildung und Fachwissen unmittelbar aus Empathie, Intuition und der Bereitschaft zur Perspektivübernahme entwickeln.

Die Ausgestaltung einer kindbezogenen, freien Pädagogik in Kristinas Kindergarten lässt sich professionsgeschichtlich als typischer Gegenentwurf zu einer programmatisch auf Ordnung, Struktur und Anpassung ausgerichteten Pädagogik verstehen, wie sie für die 1970er-Jahre nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD typisch war. Während sich in der BRD der 1970er und 1980er Jahre Gegenbewegungen wie der Situationsansatz oder Konzepte der Offenen Arbeit entwickeln und etablieren konnten, wenn auch nicht ohne Vorbehalte und Spott, unterlagen vergleichbare Ansätze wie sie auch für das „grüne Haus“ beschrieben werden, in der ehemaligen DDR erheblichen Restriktionen oder wurden verboten. Eine kindorientierte, Autonomie fördernde Pädagogik stand im Widerspruch zu einem sozialistischen Erziehungsverständnis, das die Entwicklung des Kindes an Gemeinschaft, Kollektiv und gesellschaftlicher Anpassung ausrichtete.

Unabhängig von dieser professionsgeschichtlichen Einordnung suggeriert der Roman jedoch, dass eine freie Pädagogik, wie sie Kristina praktiziert, zwangsläufig zu einer positiven Entwicklung der Kinder führt. Diese Annahme wird allerdings kaum durch die konkrete Darstellung des Kindergartenalltags eingelöst. Kinder kommen im Roman nur am Rande vor, pädagogische Situationen werden kaum szenisch ausgestaltet, und konkrete Entwicklungsprozesse, an denen sich ein positiver Einfluss von Kristinas Pädagogik zeigen ließe, werden nicht erzählt. Allein die stete Gegenüberstellung der freien Erziehung im „grünen Haus“ mit dem Drill, den der Ich-Erzähler Hinrich und Katarina erlebt haben, lassen diese freie Erziehung in positivem Licht erscheinen.

Wo Folgen von Kristinas Pädagogik überhaupt im Roman sichtbar werden, zeigen sich vielmehr Schwierigkeiten bei der späteren Anpassung der Kinder. Erwähnt wird, dass die Kinder die Gewohnheiten aus dem Kindergarten auf das Elternhaus übertragen und zu Hause beispielsweise die Wände anmalen. Wiederholt wird zudem die erschwerte Vorbereitung der Kinder auf die Schule angesprochen – Kristina musste sich dazu immer wieder in Schule und Hort erklären.

Der Fall eines Jungen wird ausführlicher dargestellt. Er wohnt mit seiner aus Heimaufenthalten bindungstraumatisierten Mutter bei Katarina und gehört zu den ersten Kindern, die den ganzen Tag den freiheitlichen Kindergarten besucht hatten. In der Schule hat er nun starke Schwierigkeiten sich anzupassen, wird von Lehrerinnen bloßgestellt. Kristina engagiert sich für ihn und muss beobachten, dass er genau das nicht kann, was er in ihrem Kindergarten gelernt hat, nämlich selbstbewusst zu sein und sich zu behaupten. Der Junge gerät in schlechte Kreise, kompensiert seine Frustration mit aggressivem Verhalten und schließlich quält er mit anderen sogar ein Tier zu Tode.

Über diesen Vorfall des tätlich gewordenen Sohns ihrer Freundin gerät die Pädagogik im „grünen Haus“ nun ins Visier der Aufsichtsbehörden. Dass Tetzner in ihrem zweiten Roman das Scheitern einer am Kind orientierten Pädagogik in der DDR über das letzte Drittel des Romans auserzählt, die systematische Zersetzung einer Person am Beispiel von Katarina beschreibt, führte sicherlich dazu, dass das zweite Buch in der DDR nicht mehr erscheinen durfte.

Was sagt die Psychologie dazu?

Die Autorin kritisiert im Interview den rationalen Zugang der Schriftstellerin Christa Wolf, zu deren Schriftstellerkreis sie gehörte. Sie selbst sei keine rationale Schreiberin. Dennoch lassen sich an das Erzählte verschiedene Theorien und Konzepte herantragen.

Eine erste Erklärung bietet eine systemische beziehungsweise dialektische Perspektive. Eine normorientierte und autoritäre Erziehung, wie sie im Roman als typisch für die 1970er Jahre beschrieben wurde, kann Gegenbewegungen hervorbringen, die auf Autonomie, Selbstbestimmung und die Aufhebung von Autorität setzen, wie sie für die antiautoritäre Pädagogik im „grünen Haus“ typisch ist. Zugleich kann eine solche Gegenbewegung ihrerseits neue Spannungen erzeugen: Wo Freiheit zum zentralen pädagogischen Prinzip wird, stellt sich auch die Frage nach Orientierung, Grenzen und Verbindlichkeit. Eine dialektische Auflösung der Gegensätze wird im Roman nicht möglich bzw. kann sich in der DDR als sozialistischer Diktatur nicht entwickeln. Selbst wenn sich die Kita-Pädagogik in der alten BRD und im wiedervereinigten Deutschland breiter entwickeln konnte, gilt bis heute, dass eine ausbalancierte Kindergartenpädagogik immer noch eine große Herausforderung darstellt.

            Die systemische Perspektive ist auch für die Entwicklung der Kinder relevant. Kindergarten, Familie und Schule bilden unterschiedliche soziale Kontexte mit jeweils eigenen Regeln und Erwartungen. Der Roman zeigt insbesondere beim Übergang vom „grünen Haus“ in die Schule, dass die im Kindergarten geförderten Verhaltensweisen dort nicht ohne Weiteres anschlussfähig sind. Das gilt nicht nur für eine Schule, die – wie im Roman – durch Drill beschrieben wird. Die Schwierigkeiten der Kinder lassen sich daher auch als Folge einer mangelnden Passung zwischen den verschiedenen Systemen verstehen. Allerdings gilt in der Psychologie nicht nur ein autoritärer Erziehungsstil, wie er im Roman für Familie und Schule beschrieben wird, sondern auch das die antiautoritäre Erziehung gescheitert, wie bereits in verschiedenen Beiträgen ausgeführt wurde (Verwöhnung Teil 1, Teil 2 und Teil 3).

Damit verbindet sich die Frage nach der Reichweite pädagogischer Einflüsse. Der ausführlich dargestellte Fall des Jungen, der trotz der intensiven Betreuung durch Katarina als Ersatzbezugsperson und des Besuchs des antiautoritären Kindergartens eine ungünstige Entwicklung nimmt, lässt sich hierfür besonders gut heranziehen. Er wächst bei einer durch eigene Heimaufenthalte und Bindungserfahrungen belasteten Mutter auf, erlebt wechselnde Vaterfiguren und lebt als einziges Kind in einer Wohngemeinschaft mit zahlreichen Erwachsenen, die zugleich ihre eigenen persönlichen Utopien verfolgen. Der Junge mit aggressiven Verhaltenstendenzen zeigt eine Grenze der pädagogischen Utopie des Romans. Katarina kann einen geschützten und freiheitlichen Entwicklungsraum schaffen, aber sie kann weder die familiären Voraussetzungen des Kindes aufheben noch die widersprüchlichen Anforderungen der Schule kontrollieren. Aus Wirkstudien ist bekannt, dass der Einfluss der Familie auf die Kompetenzen der Kindern viel bedeutsamer ist als der pädagogischer Institutionen. Allerdings fruchten pädagogische Bemühungen am stärksten, wenn sie Nachteile aus dem Elternhaus ausgleichen können. Die erfordert allerdings mehr pädagogische Aktivität als „Machenlassen“.

Auch Katarinas Zersetzungserfahrungen in einem repressiven Staat lassen sich psychologisch deuten. Ihre Verbündeten und Freunde ziehen sich zurück, weil sie selbst befürchten, in den Einflussbereich des politischen Systems zu geraten und Nachteile zu erfahren. Die Demütigung, die Kontrolle ihres Verhaltens und der Verlust ihres bisherigen Status greifen ihr Selbstverständnis als selbstbestimmte und anerkannte Person an. Mit Konzepten der sozialen Identität, des Selbstwerts und der Selbstwirksamkeit lässt sich erklären, warum ein solcher Statusverlust psychisch besonders folgenreich sein kann. Die im Roman beschriebene staatliche Repressionsstrategie arbeitet mit Mitteln, die heute als Bossing bezeichnet werden: berufliche Nachteile, gezielte Gerüchte, Isolation und Schaffung eines feindlichen Arbeitsfeldes. Mit dem Unterschied, dass ein Staatsapparat sie auslöst.

Mein größtes Hindernis: die Erzählsprache

Wer jetzt vielleicht am Roman interssiert ist, sollte noch auf eine Schwierigkeit aufmerksam gemacht werden. Wie bereits erwähnt, wird die Handlung aus der Sicht Hinrichs erzählt. Dabei entsteht die Geschichte weniger durch äußere Ereignisse als durch seine Gedanken, Selbstbefragungen und Bewertungen. Lange, syntaktisch komplexe Sätze, zahlreiche Nebensätze und Einschübe prägen den Text. Der zähe, schwerfällige Denk- und Sprachfluss könnte dabei durchaus als literarisches Mittel verstanden werden: Hinrich bezeichnet sich selbst im Roman immer wieder als lethargisch und wenig gesprächig. Vielleicht soll sich diese Eigenschaft auch in der Sprache des Ich-Erzählers spiegeln?

Dennoch sollte Sprache den Inhalt vermitteln und nicht verdecken. Ich verliere beim Lesen immer wieder den Faden, verstehe Passagen nicht auf Anhieb und muss zurückgehen, um mir den Gedankengang erneut zu erschließen. Schließlich musste ich das Buch zwei Mal lesen, um den Inhalt zu verstehen. Da es nur 200 Seoten umfasst, kann man das machen. Tetzners Sprache ist in diesem Roman meiner Einschätzung nach nicht lediglich spröde oder anspruchsvoll – Begriffe, die in der einen oder anderen Rezension anklingen. Sie ist häufig sperrig, syntaktisch überladen und unnötig schwer zugänglich.

Fazit

Gerti Tetzners Roman Gegen Wind ist ein literarisches Zeugnis über individuelle Freiheit, Anpassung und Widerstand, aber auch über staatliche Repression in der DDR der 1970er. Die Kindergärtnerin Kristina steht dabei für den Versuch, Kindern innerhalb eines autoritären Systems Räume für Selbstständigkeit, Fantasie und Kreativität zu eröffnen. Mit dieser Idee steckt sie andere an – allen voran den Ich-Erzähler Hinrich – und schafft eine freie Gruppe von Gleichgesinnten.

Aus professionsgeschichtlicher Perspektive ist dieser Gegenentwurf zur staatlich geprägten Kindergartenpädagogik besonders interessant, bleibt im Roman jedoch in vielerlei Hinsicht unausgearbeitet. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines männlichen Erzählers vermittelt, konkrete pädagogische Situationen und die tatsächliche Wirkung von Kristinas Ansatz werden nur am Rande dargestellt. Zudem vermittelt der Roman teilweise das problematische Bild, pädagogische Kompetenz könne vor allem aus Intuition und Empathie entstehen und sei nicht zwingend an fachliche Ausbildung gebunden. Auch die wenigen, aber dafür sehr drastisch dargestellten Folgen der freien Erziehung werfen Fragen nach ihrer Wirksamkeit auf.

Insgesamt erzählt Gegen Wind eine Geschichte über Kindergartenpädagogik als Geschichte von Freiheit und persönlicher Entwicklung, die am Beispiel der beiden Protagonisten Hinrich und Kristina entfaltet wird. Während Hinrich sich aus den Erfahrungen von Anpassung und Unterordnung zu lösen versucht, führt Kristinas konsequenter Freiheitsanspruch schließlich in die Konfrontation mit dem sozialistischen Staat, der sie ausgrenzt und mit Zersetzungsmaßnahmen verfolgt. Kritisch anzumerken bleibt, dass die sperrige und teilweise überfrachtete Erzählsprache den Zugang zu diesem historischen literarischen Dokument aus den 1970er-Jahren erschwert.

Übrigens: Die Autorin wollte nicht als Ost-Literatur verstanden werden, als sie zu Beginn der 1980er nicht in den Westen ausreisen wollte. Ihr Buch sollte auch heute nicht auf ein DDR-Thema reduziert werden.


[1] Gerti Tetzner (2026). Gegen Wind. Aufbau-Verlag,

[2] Biografische und romanbezogene Informationen aus: „Die ganze DDR steuerte auf eine Selbstverleugnung zu. Ich konnte mich aber nicht selbst verleugnen.“ Der Spiegel, Heft 34/2026, S. 96-100

[3] ebd.

[4] ebd., Zitat auf S. 99

[5] Gespräch im Anhang des Romans, Zitate auf S. 209

[6] ebd., Zitat auf S. 210

[7] ebd., Zitat auf S. 220

[8] Romantext, Zitat auf Seite 41

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