Die Fröbel-Kindergärtnerin im historischen Roman: Was sagt uns das heute?

Erst nachdem mein eigener Roman über die Kindergartenbewegung publiziert war, habe ich mich umgeschaut und zu meiner Überraschung bemerkt, dass es eine umrissene Zahl an historischen Romanen gibt, die die Kindergärtnerin oder Erzieherin zur Romanfigur machen. Den aktuell publizierten Roman von Gerti Tetzner über eine Kindergärtnerin in der DDR – ein Beispiel für die jüngere Historie des Berufs – habe ich im Urlaub gelesen und im letzten Blogbeitrag vorgestellt. Aktuell bin ich wieder in Thüringen unterwegs, und dazu passt es, zwei Romane über die Gründungsphase der Fröbel-Kindergärten zu besprechen und sich abschließend ein paar Gedanken aus psychologischer und bildungspolitischer Sicht zu machen. Denn in Bad Blankenburg wurde der erste Fröbel-Kindergarten eröffnet, in Gotha und Erfurt engagierten sich die ersten Absolventinnen der Ausbildungsstätte Fröbels in Marienthal. Zwei Romane, die ich mit Interesse gelesen habe, spielen in dieser Zeit und an diesen Orten. Dass ich nun erneut in Thüringen bin, hat allerdings auch einen ganz aktuellen Anlass: Gestern wurden in Erfurt unter anderem Kindheitspädagoginnen der Internationalen Hochschule feierlich im Kaisersaal verabschiedet, die ihren Abschluss am virtuellen Campus absolviert haben, mit mir an dieser Hochschule begannen und dafür aus dem ganzen Bundesgebiet zusammenkamen. In unmittelbarer Nähe des Kaisersaals liegt übrigens auch die Meienbergstraße, wo Mitte des 19.Jahrhunderts in Erfurt der erste Fröbel-Kindergarten eröffnet worden war. Dort spielt der erste Roman, den ich vorstellen möchte.

Jürgen Reyer: Die Kindergärtnerin – Ein Roman über die Anfangszeit der Erzieherin

Jürgen Reyers historischer Roman erschien 2012 im BURGHÜGEL Editionsverlag und umfasst 290 Seiten. Er spielt Mitte des 19. Jahrhunderts in Thüringen, zwischen Rudolstadt, Gotha und Erfurt. Im Mittelpunkt steht Friederike Nachtigal, eine junge Frau aus bürgerlichem Elternhaus, die sich bei Friedrich Fröbel in Marienthal zur Kindergärtnerin ausbilden lässt. Als ihr die Leitung eines Kindergartens in Erfurt angeboten wird, beginnt ein schwieriger Weg: Die behördliche Genehmigung ihrer Tätigkeit erweist sich als kompliziert und konfrontiert sie mit den politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen ihrer Zeit. Die Handlung spielt nach den gescheiterten Revolutionen von 1848/49. Das preußische Kindergartenverbot von 1851 untersagte schließlich die Einrichtung und den Betrieb von Kindergärten, weil die Behörden in ihnen eine politisch unerwünschte, insbesondere „atheistische“ Erziehung vermuteten. Der Roman thematisiert somit nicht nur die Entstehung des Kindergartens als Teil des Bildungssystems, sondern auch die gesellschaftlichen Möglichkeiten und politischen Grenzen eines neuen Frauenberufs.

Der Autor weiß, wovon er schreibt. Jürgen Reyer (geb. 1943) ist ein deutscher Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler, der sich in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor in Tübingen und Erfurt intensiv mit der Pädagogik der Frühen Kindheit beschäftigt hat. Er gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die eine Universitätsprofessur mit einem Schwerpunkt in diesem Fachgebiet innehatten. 2008 wurde er emeritiert. Reyer ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen, unter anderem zum Beruf der Kindergärtnerin.[1] Mit seinem Roman „Die Kindergärtnerin“ verbindet er seine langjährige wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte und Entwicklung der frühen Kindheitspädagogik mit einer literarischen Erzählung.

Lena Riess: Die Zeit der Kinder

Lena Riess veröffentlichte 2024 bei List, 2025 bei Ullstein einen Roman, der das Leben von Luise Levin, der zweiten Ehefrau Friedrich Fröbels, literarisch nachzeichnet. Die Romanfigur erlebt als Kinderfrau in der Familie ihres Schwagers die autoritäre Behandlung von Kindern. Als dieser wieder heiratet, steht sie vor dem Nichts und wird Haushälterin bei Fröbel. In Fröbels Kursen lernt sie einen grundlegend anderen pädagogischen Ansatz kennen: Kinder sollen als Menschen respektiert werden und sich frei entwickeln können. Sie macht die Ausbildung zur Kindergärtnerin, wird Fröbels Vertraute und dann auch dessen Ehefrau, nach dessen Tod Kämpferin für die Aufhebung des Kindergartenverbots und Verbreiterin seiner Lehren. In einer der parallelen Handlungen schildert der Roman den Alltag in einer katholischen Bewahranstalt, in der die Kinder in einem überritualisierten Umfeld, unter Einsatz von Beschämung und körperlicher Bestrafung, zur Unterordnung und zu einem strengen Glaubensverständnis erzogen werden. Eine junge Bewahrfrau versucht, die Ordensschwestern dazu zu bewegen, mehr auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen, findet aber erst in einem Fröbelkindergarten, den Luise Levin in Hamburg eröffnet, eine kinderfreundliche Pädagogik vor. Damit verknüpft der Roman die persönliche Entwicklung einer der vielen historischen Fröbelianerin und einer fiktiven katholischen Bewahrfrau mit der Entstehung einer kindgemäßen Sichtweise von Kindheit und Erziehung.

Die Autorin Lena Riess, ist Erzieherin, wurde dann Kulturwissenschaftlerin und Lektorin in einem bekannten Verlag für Kinderbücher, bis sie selbst Bücher schrieb. Unter einem Pseudonym hat sie bereits Bestseller verfasst, Die Zeit der Kinder ist ihr erster Roman unter ihrem eigentlichen Namen.

Psychologische und bildungspolitische Perspektiven mit Bezügen zur Gegenwart

Was verbindet diese beiden Romane, die in derselben historischen Entstehungsphase der Fröbel-Pädagogik vor fast zweihundert Jahren spielen? Welche Bedeutung haben sie als Perspektive auf die Gegenwart?

Selbstwirksamkeit für Kinder und bitte auch für Fachkräfte

Auffällig ist zunächst die aktive Rolle der Kindergärtnerin. Bei Reyer ist nicht einfach diejenige, die eine von bekannten Männern entwickelte Pädagogik ausführt. Sie setzt sich mit pädagogischen Vorstellungen auseinander, entwickelt eine eigene Haltung und versucht, diese in ihrer täglichen Arbeit umzusetzen. Bei Riess ist die Ehefrau Fröbels engagiert darin, das Kindergartenverbot in Preußen zu umgehen und sich nicht entmutigen zu lassen.

Aus psychologischer Sicht lässt sich das in den Romanen beschriebene Handeln der Kindergärtnerinnen mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit betrachten. Der Psychologe Albert Bandura versteht darunter die Überzeugung eines Menschen, aufgrund eigener Fähigkeiten auch schwierige Anforderungen bewältigen und durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Die beiden Romane zeigen Frauen, die sich als Gestalterinnen ihrer pädagogischen Praxis verstehen.

Das Konzept der Selbstwirksamkeit wird in der Kindergartenpädagogik der Gegenwart vor allem auf Kinder bezogen, weniger auf Erwachsene. Kinder sollen erfahren, dass sie etwas bewirken und ihre Umwelt mitgestalten können. Das ist pädagogisch sinnvoll. Weniger häufig wird allerdings danach gefragt, wie viel Selbstwirksamkeitserfahrung die pädagogische Fachkraft selbst in ihrer Arbeit machen kann. In der heutigen Praxis besteht zumindest die Gefahr, dass konzeptionelle Vorgaben, Qualitätsstandards und pädagogische Programme überwiegend als Top-down-Prozesse an die pädagogischen Fachkräfte herangetragen werden. Wenn diese vor allem lernen sollen, vorgegebene Konzepte korrekt umzusetzen, kann ihnen ein wesentlicher Teil professioneller Handlungsmacht verloren gehen: die Möglichkeit, Pädagogik selbst zu entwickeln, Entscheidungen fachlich zu begründen und die eigene Praxis als wirksam zu erleben – auch entgegen den Vorgaben, die in der Regel von Nicht-Praktiker:innen in die Kita getragen werden. Ein solcher Verlust an Handlungsspielraum kann langfristig auch zur beruflichen Unzufriedenheit und psychischer Belastung beitragen.

Bildung für Kinder und bitte auch für Fachkräfte

Emanzipation durch Bildung wird als ein weiterer Aspekt sichtbar, der für Fröbels Pädagogik und für die Entwicklung des neuen Berufs von Bedeutung ist. Fröbel beschäftigte sich nicht nur mit der Bildung des Kindes, sondern unterstützte auch die Bildung und Ausbildung der Frauen, die als Kindergärtnerinnen tätig werden sollten. Die Ausbildung bei Fröbel bedeutete damit mehr als die Vermittlung praktischer Fertigkeiten. Frauen erhielten die Möglichkeit, sich Wissen anzueignen, eine eigene pädagogische Urteilskraft zu entwickeln und einen neuen beruflichen Handlungsspielraum zu gewinnen. Die Kindergärtnerin wird dadurch selbst zur Gebildeten und zur pädagogisch Handelnden.

Gerade hier ergibt sich eine interessante Frage für die Gegenwart. Heute wird viel von der Bildung der Kinder gesprochen, die Bildung derjenigen, die diese Bildungsprozesse gestalten, gerät dagegen zunehmend aus dem Blick. Zwar gibt es seit Jahren Bestrebungen, die Qualifikation frühpädagogischer Fachkräfte durch eine stärkere Akademisierung anzuheben. Die Entwicklung bleibt jedoch hinter den Erwartungen zurück. Auf eine Absolventin frühpädagogischer Studiengänge kommen zehn Absolventinnen aus Fachschulen. Gleichzeitig sind neue, verkürzte Qualifizierungswege entstanden, die den Zugang zur Tätigkeit erleichtern sollen, aber nicht mit der Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin gleichgesetzt werden können. In den westlichen Bundesländern hat mittlerweile jede sechste Fachkraft einen berufsschulischen Abschluss in einem Helferberuf, bei zunehmend geringeren Anforderungen an die Eingangsqualifikation. In Rheinland-Pfalz genügt dafür mittlerweile schon die Berufsreife.[2]

Das hat Fröbel so sicher nicht gewollt. Zu Beginn der Verberuflichung der Kindergärtnerin vor fast zweihundert Jahren war die Ausbildung bei Fröbel gerade auf eine intensive Bildung und pädagogische Befähigung der Frauen ausgerichtet. In Reyers Roman findet Friederike Nachtigal Bedingungen vor, unter denen sie sich fachlich intensiv mit Pädagogik auseinandersetzen kann. An einer Stelle wird sogar deutlich, dass ihre Lernmöglichkeiten günstiger erscheinen als die des Volksschullehrers und dass sie in der kleineren, überschaubaren pädagogischen Situation größere Möglichkeiten sieht, ihre Vorstellungen vom Lernen und von der Entwicklung der Kinder umzusetzen. Der Roman wirft die interessante Frage auf: Was geschieht mit einer Pädagogik, wenn die Bildung der pädagogischen Fachkräfte hinter der Bildung der Kinder zurücktritt?

Kindergartenpädagogik zwischen Handlungsmacht und politischen Rahmenbedingungen

Die Handlungsmacht der Fröbel-Pädagoginnen in den Romanen gerät an Grenzen. Friederike Nachtigal in Reyers Roman kann ihren Kindergarten nicht einfach so gestalten, wie sie es für richtig hält. Sie ist auf behördliche Genehmigungen angewiesen und gerät in politische Konflikte, die mit ihrer eigentlichen pädagogischen Tätigkeit zunächst wenig zu tun zu haben scheinen. Luise Levin im Roman von Riess kann ihre Vorstellungen nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit verwirklichen. In beiden Romanen wird die Zuspitzung der Intrigen im Kindergartenverbot 1851 ausführlich erzählt.

Auch hier liegt eine interessante Verbindung zur Gegenwart. Heute wird über die richtige Pädagogik nicht nur innerhalb pädagogischer Einrichtungen entschieden. Bildungspläne, Gesetze, Träger, Ausbildungsvorgaben und gesellschaftliche Erwartungen bestimmen mit, was pädagogische Fachkräfte tun können und sollen. Aus meiner Sicht besteht dabei zunehmend die Gefahr, dass pädagogische, wissenschaftliche, wirtschaftspolitische, sozialpolitische und bildungspolitische Interessen nicht mehr hinreichend voneinander unterschieden werden. Programme und konzeptionelle Vorgaben können sich von den Erkenntnissen der Entwicklungs- und Bildungsforschung entfernen, stattdessen politische Zielsetzungen als pädagogische Notwendigkeiten erscheinen.

Besonders der gegenwärtige Kinderrechtsdiskurs wirft in diesem Zusammenhang Fragen auf. Die Aufwertung des Kindes zum Rechtssubjekt ist zweifellos bedeutsam. Problematisch wird es jedoch dort, wo Kinderrechte in der pädagogischen Praxis vor allem auf Schutz und Teilhabe reduziert werden und das ebenfalls grundlegende Recht des Kindes auf altersgemäße Entwicklung, Förderung und Bildung dahinter zurücktritt. Das Kind erscheint dann vor allem als schutzbedürftiges und zu beteiligendes Subjekt, während seine entwicklungsbedingten Bedürfnisse nach Orientierung, Anregung und verlässlicher pädagogischer Führung weniger Aufmerksamkeit erhalten.

Vielleicht liegt gerade darin eine Verbindung zwischen den historischen Romanen und der Gegenwart: Damals konnte staatliche Politik bestimmen, ob und unter welchen Bedingungen ein Kindergarten überhaupt betrieben werden durfte. Heute sind die Eingriffe subtiler. Pädagogische Handlungsspielräume werden weniger durch ein ausdrückliches Verbot als durch Gesetze, Programme, Qualitätsvorgaben, Finanzierungsstrukturen und gesellschaftlich dominierende pädagogische Leitbilder geprägt. Die Frage bleibt jedoch ähnlich: Wie viel Raum bleibt der pädagogischen Fachkraft, auf der Grundlage ihrer Ausbildung, ihrer Erfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnisse selbst zu urteilen und Pädagogik zu gestalten?

Übrigens: Beide Bücher sind sehr gut zu lesen. Das ist bei Romanen nicht immer so. Lena Riess bedient eher die romantischen Bedürfnisse ihrer Leserinnen und Leser, während Jürgen Reyer die historischen Fakten zu einer spannenden Erzählung verdichtet. Man kann also wählen: etwas mehr Romantik oder etwas mehr Geschichte – lesenswert sind beide.


[1] Einige Beispiele:  Reyer, J. (2006). Einführung in die Geschichte des Kindergartens und der Grundschule. Klinkhardt. / Reyer, J. (2015). Die Bildungsaufträge des Kindergartens: Geschichte und aktueller Status. Beltz Juventa. / Reyer, J., & Franke-Meyer, D. (2021). Die Kindergärtnerin: Zur Geschichte der Semi-Professionalisierung. Beltz Juventa.

[2] Autorengruppe Fachkräftebarometer. (2025). Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2025. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF), Deutsches Jugendinstitut e. V. / Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz. (o. D.). Was muss ich mitbringen, um Erzieherin oder Erzieher zu werden? https://kita.rlp.de/traeger-und-fachkraefte/ausbildung-und-studium/was-muss-ich-mitbringen-um-erzieherin-oder-erzieher-zu-werden?

Kommentar verfassen