Verwöhnt? Woran erkennt man Verwöhnung und wie spricht man Eltern darauf an? (Teil 2)

Eltern, die ihre Kinder verwöhnen, gelten in der Kita-Eltern-Kooperation als schwierig. Nach einem ersten Beitrag über die Grundlagen von Verwöhnung und einen nachgiebigen Erziehungsstil soll es in diesem zweiten Beitrag um konkrete Beispiele für elterliche Verwöhnung in der Kita gehen, ebenso wie um die Ansprache der Eltern.

Dabei bevorzuge ich den Begriff der Verwöhnung, obgleich er tiefenpsychologisch geprägt ist. Er fasst besser als die vielen alternativen Begriffe, die ich im ersten Beitrag aufgelistet habe, zusammen, welche unterschiedlichen Verhaltensweisen von Eltern darunter zu fassen sind und welche vielfältigen emotionalen Verstrickungen zu verwöhnendem Verhalten führen.

Woran erkennt man Verwöhnung bei Eltern?

So beschreibt Frick Verwöhnung als ein Übermaß an Zärtlichkeit, Besorgnis, Hilfsbereitschaft, Entlastung und materiellen Gütern, aber auch als einen Mangel an Zutrauen, Ermutigung, Zuversicht, Forderung und freundlicher Grenzsetzung.[1] Zusammengefasst kann man also sagen: Eltern halten ein angemessenes Maß nicht ein, wenn es um die Bedürfnisse ihrer Kinder geht. Sie übertreiben, was die Bedürfnisse der Kinder nach Bindung, Schutz und Fürsorge betrifft, und untertreiben, was die Bedürfnisse von Kindern nach Autonomie und Bildung betrifft, wenn sie ihnen zu wenig zumuten. Im Folgenden liste ich einige Beispiele auf, auch wenn die meisten Menschen Verwöhnung gut erkennen – mit Ausnahme der Eltern, die im Umgang mit Bedürfnissen und Anforderungen einen blinden Fleck haben und um die es hier geht.

Verwöhnung kann bereits im frühen Kindesalter beginnen und zeigt sich zunächst häufig darin, dass Eltern dem Kind alltägliche Anforderungen abnehmen. So tragen sie es lange, obwohl es bereits selbstständig laufen könnte, oder fahren es weiterhin im Kinderwagen. Auch das Bringen mit dem Auto in die Kita kann Ausdruck einer solchen Entlastung sein, wenn dem Kind dadurch Wege und Anforderungen abgenommen werden, die es seinem Alter entsprechend bereits bewältigen könnte. Sie kommen ihm beim Essen übermäßig entgegen, machen sich wenig Mühe, ihm den Toilettengang altersgemäß zu ermöglichen, oder drücken ihm bei jeder Gelegenheit das Handy in die Hand, damit es beschäftigt ist.

Gerade bei sehr kleinen Kindern ist eine gewisse Unterstützung selbstverständlich und notwendig. Problematisch wird sie dort, wo Eltern Entwicklungsschritte dauerhaft verhindern, indem sie dem Kind Tätigkeiten abnehmen, die es bereits selbst übernehmen könnte, oder ihm jegliche Unlust ersparen möchten.

Mit zunehmendem Alter verlagert sich die Verwöhnung auf die Bereiche Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme. Eltern räumen ihren Kindern beispielsweise weiterhin das Zimmer auf, obwohl diese dazu bereits selbst in der Lage wären, oder übernehmen alltägliche Aufgaben wie das Anziehen, Packen oder Aufräumen. Auch das Bedürfnis nach ständiger Erreichbarkeit kann eine Rolle spielen, wenn Kinder bereits früh mit Handy oder Smartwatch ausgestattet werden, nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch, um ihnen Unsicherheiten und eigenständige Problemlösungen abzunehmen.

Im Schulalter zeigt sich Verwöhnung häufig besonders deutlich im Umgang mit schulischen Anforderungen. Eltern packen den Schulranzen, tragen ihn für ihr Kind oder bringen vergessene Frühstücksbrote, Turnbeutel und Schulunterlagen nach. Sie entschuldigen Fehltage, obwohl keine Erkrankung vorliegt, helfen bei den Hausaufgaben oder greifen bei Prüfungsvorbereitungen übermäßig unterstützend ein. Teilweise begleiten sie ihre Kinder sogar zu Prüfungen oder versuchen, schulische Anforderungen durch die Beantragung von Nachteilsausgleichen zu reduzieren, ohne gleichzeitig notwendige Fördermaßnahmen zu unterstützen.

Auch hier stehen nicht die Unterstützung oder Erfordernisse im Einzelfall an sich zur Diskussion, sondern die Frage, ob sie die Selbstständigkeit des Kindes fördert oder ihm die Verantwortung für seine eigenen Aufgaben abnimmt.

Eine weitere Form der Verwöhnung zeigt sich in der Einmischung der Eltern in soziale und institutionelle Konflikte. Erzieherinnen und Lehrkräfte erleben beispielsweise, dass das eigene Kind grundsätzlich im Recht gesehen wird, während andere Kinder als Verursacher des Problems gelten. Auch gegenüber pädagogischen Fachkräften kann sich dies darin äußern, dass deren Beobachtungen grundsätzlich infrage gestellt werden und ihnen unterstellt wird, das Verhalten des eigenen Kindes falsch einzuschätzen. Anstatt das Kind dabei zu unterstützen, Konflikte auszuhalten, eigene Anteile zu erkennen und aus Fehlern zu lernen, übernehmen die Eltern zunehmend die Rolle des Fürsprechers und versuchen, Schwierigkeiten für ihr Kind aus dem Weg zu räumen.

Die Unterscheidung zwischen einem altersgemäßen, liebevollen Eingehen auf die Kinder und Verwöhnung ist eigentlich einfach: Ersteres unterstützt den Entwicklungsstand der Kinder, Letzteres nimmt ihnen Möglichkeiten, Selbstständigkeit, Frustrationstoleranz und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln. Ein einzelnes Verhalten sagt dabei wenig aus, wichtig ist das zeitlich überdauernde Muster.

Woran erkennt man Verwöhnung bei Kindern?

Die Vorstellung, ein Kind sei verwöhnt, bezieht sich also auf Verhaltensmuster, die allein daraus entstehen können, dass Eltern es nicht altersgemäß behandeln und mit Zuwendung überhäufen. Sie zeigt sich unter anderem in folgenden Beobachtungen beim Kind:

  • Es erwartet, dass andere ihm vieles abnehmen, obwohl es etwas eigentlich selbst könnte, und stellt mitunter auch Forderungen um der Forderungen willen.
  • Es hält Frustration schlecht aus: Schon kleine Enttäuschungen führen regelmäßig zu sehr starken Reaktionen.
  • Es hat Schwierigkeiten zu warten. Es erwartet beispielsweise, immer zuerst dranzukommen.
  • Es ist wenig selbstständig, was altersgemäße Entwicklungsschritte betrifft.
  • Es ist bei altersgemäßen Anforderungen nicht sehr anstrengungsbereit oder belastbar.

Verändern die Eltern ihren Erziehungsstil hin zu einer echten Bedürfnisorientierung, Autonomieförderung und Alltagsstrukturierung, verschwinden diese problematischen Verhaltensweisen in der Regel. Sie haben also ursächlich nichts mit Merkmalen des Kindes wie einer Spätentwicklung, extremen internalisierenden Verhaltensstilen oder gar Beeinträchtigungen zu tun, sondern sind Folgen eines für das Kind ungünstigen Erziehungsverhaltens der Eltern. Systematische Einflüsse auf das Erziehungsverhalten durch das Soziale Milieu oder Subkulturen können hier nicht mit betrachtet werden.[2] Sie verändern vielleicht die Ansprache oder die Möglichkeiten, auf Eltern Einfluss zu nehmen, ändern aber an der Grundaussage wenig, dass Verwöhnung durch Eltern erfolgt und Kinder in ihrer Entwicklung begrenzt.

Wie sage ich es den Eltern?

Viele Studierende und pädagogische Fachkräfte, mit denen ich mich in Aus- und Fortbildungen unterhalte, berichten, dass sie Verwöhnung bei Eltern beobachten. Dies verwundert nicht, denn schließlich gilt ein nachgiebiger Erziehungsstil als zweithäufigster Erziehungsstil in Familien.[3] Wenn Verhaltensprobleme von Kindern mit der Nachgiebigkeit der Eltern in Verbindung zu bringen sind, dann liegt es nahe, darüber auch mit Eltern zu sprechen. Aber das ist nicht einfach: In Teil 1 über die Grundlagen zum Thema Verwöhnung wurde bereits deutlich, dass dem elterlichen Erziehungsstil teilweise unbewusste Dynamiken zugrunde liegen, was dazu führen kann, dass Eltern auf eine Ansprache, so behutsam sie auch erfolgt, mit starken Emotionen und Widerstand reagieren.[4]

Wichtig ist deshalb, das elterliche Verhalten zunächst zu würdigen und dann erst auf die beobachtbaren Risiken für die Kinder hinzuweisen. Dabei ergeben sich je nach den wahrgenommenen Gründen für Verwöhnung unterschiedliche inhaltliche Akzente, wie im Folgenden ausgeführt wird. Die konkret vorgeschlagenen Rückmeldungen sollen nur als Orientierung dienen, wie möglicherweise mit Eltern kommuniziert werden kann. Der Hinweis auf Lösungen im Kita-Alltag kann Eltern beim Verständnis helfen.

Wenn berufliche Belastung Schuldgefühle auslöst

Die Erzieherin kann zunächst anerkennen, dass die Eltern trotz ihrer zeitlichen Belastung bemüht sind, ihrem Kind viel Zuwendung und Aufmerksamkeit zu schenken. Anschließend kann sie vorsichtig ansprechen, dass die gemeinsame Zeit nicht dadurch aufgewertet werden muss, dass dem Kind alle Wünsche erfüllt oder Anforderungen abgenommen werden. Vielmehr kann gerade ein verlässlicher Rahmen dem Kind Sicherheit geben:

„Ich habe den Eindruck, dass Sie Ihrem Kind sehr viel ermöglichen möchten, vielleicht auch, weil Sie unter der Woche manchmal das Gefühl haben, zu wenig Zeit mit ihm zu verbringen. Gleichzeitig frage ich mich, ob es ihm vielleicht guttun würde, wenn Sie ihm an manchen Stellen wieder etwas mehr zutrauen und zumuten.“

Wenn Trennung oder andere familiäre Belastungen zu besonderer Fürsorge führen

Hier sollte die Erzieherin besonders sensibel mit möglichen Schuldgefühlen der Eltern umgehen, die durch Trennung, Scheidung oder psychische Belastungen der Eltern entstehen. Sie kann die Fürsorge und den Wunsch, dem Kind die familiäre Belastung zu erleichtern, anerkennen, aber darauf hinweisen, dass Kinder auch in schwierigen Situationen von klaren und verlässlichen Grenzen profitieren.

„Es ist sehr verständlich, dass Sie Ihrem Kind in dieser Situation besonders viel abnehmen und ihm möglichst wenig zusätzliche Belastung zumuten möchten. Gleichzeitig erleben wir hier in der Kita, dass es ihm guttut, wenn wir ihm weiterhin klare Erwartungen und kleine Aufgaben zutrauen. Das kann ihm vielleicht auch zu Hause helfen, mit der schwierigen Situation zurechtzukommen.“

Wenn Eltern es anders machen möchten als ihre eigenen Eltern

Die Erzieherin, die von dem Wunsch der Eltern weiß, es ganz anders zu machen als bei der strengen Erziehung, die sie selbst erlebt haben, kann den Wunsch der Eltern würdigen, ihrem Kind bessere Erfahrungen zu ermöglichen, als sie selbst gemacht haben. Gleichzeitig kann sie helfen, dass Eltern Grenzziehung nicht mit autoritärer Strenge verwechseln.

„Ich finde es sehr nachvollziehbar, dass Sie Ihrem Kind die Erfahrungen ersparen möchten, die Sie selbst gemacht haben. Grenzen müssen aber nicht bedeuten, dass ein Kind Angst haben oder einfach gehorchen muss. Man kann sehr warmherzig bleiben und trotzdem klar sagen: ‚Das erwarte ich von dir.‘ oder ‚Das kannst du schon allein, ich warte so lange.‘“

Wenn Eltern Konflikte und Ablehnung vermeiden möchten

Hier sollte die Erzieherin vermeiden, den Eltern direkt eine Konfliktangst zu unterstellen. Stattdessen kann sie die Schwierigkeit thematisieren, die darin liegt, ein Kind gelegentlich enttäuschen zu müssen.

„Ich habe den Eindruck, dass Ihnen sehr wichtig ist, dass es Ihrem Kind gut geht und dass Sie Konflikte mit ihm möglichst vermeiden möchten. Das erlebe ich als sehr wichtig. Gleichzeitig gehört es auch dazu, dass Kinder manchmal enttäuscht sind oder mit einer Entscheidung der Eltern nicht einverstanden sind. Vielleicht kann ich Ihnen erzählen, an welchen Stellen wir hier Ihrem Kind zumuten, diese alltäglichen Enttäuschungen auszuhalten.“

Wenn die Anerkennung des Kindes den Selbstwert der Eltern stärkt

Die Erzieherin kann die positive Aufmerksamkeit der Eltern durch übermäßiges Loben ihres Kindes ausdrücklich anerkennen und anschließend den Blick von der Bewertung durch die Eltern auf die Eigenständigkeit des Kindes lenken.

„Man merkt, wie sehr Sie sich über Ihr Kind freuen und wie wichtig es Ihnen ist, ihm zu zeigen, dass Sie stolz auf es sind. Vielleicht könnten Sie zusätzlich darauf achten, nicht jede Leistung unmittelbar zu bewerten oder zu loben. Manchmal hilft es Kindern mehr, wenn wir ihnen zutrauen, selbst zu merken, worauf sie stolz sein können.“

Wenn Ängste vor Gefahren oder Überforderung die Fürsorge bestimmen

Hier sollte die Erzieherin besonders vorsichtig sein und die elterliche Sorge nicht als irrational darstellen. Sinnvoll ist es, zwischen tatsächlichen Gefahren und einer möglichen Unterschätzung der Belastbarkeit des Kindes zu unterscheiden.

„Ich habe das Gefühl, dass Sie Ihr Kind sehr aufmerksam beobachten und es möglichst vor negativen Erfahrungen schützen möchten. Das zeigt, wie wichtig Ihnen sein Wohlergehen ist. Gleichzeitig erleben wir hier, dass es manche Herausforderungen durchaus bewältigen kann.“

Wenn Nachgeben dazu dient, Konflikte schnell zu beenden

Hier kann die Erzieherin zunächst Verständnis dafür zeigen, dass Eltern erschöpft sind und Konflikte im Alltag möglichst schnell beenden möchten. Anschließend kann sie die langfristige Wirkung der Nachgiebigkeit thematisieren.

„Ich kann gut verstehen, dass man nach einem langen Tag manchmal einfach möchte, dass eine Situation nicht weiter eskaliert. Wenn man dann einmal nachgibt, ist zunächst wieder Ruhe. Wir beobachten aber, dass Ihr Kind dadurch möglicherweise lernt, dass es mit Protest oder Ausdauer seine Wünsche doch noch durchsetzen kann. Grenzen zu setzen kann helfen, dass nicht jeder Alltagskonflikt so viel Kraft kostet.“

Fazit

Verwöhnung zeigt sich nicht in einzelnen Handlungen von Eltern, sondern vor allem in einem längerfristigen Muster, das Kindern Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und den Umgang mit Frustration erschweren kann. Die negativen Auswirkungen auf das Sozialverhalten, den Umgang mit Regeln und das Leistungsvermögen in der Schule sollten nicht unterschätzt werden, auch wenn sie nach der Kita-Zeit deutlicher als während der Kita-Zeit zum Tragen kommen. Für pädagogische Fachkräfte bedeutet dies, ihre kritischen Beobachtungen den Eltern gegenüber wertschätzend anzusprechen und gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, Kindern mehr zuzutrauen und zuzumuten. Dabei können die unterschiedlichen Gründe, weshalb Eltern ihre Kinder verwöhnen, bei der Ansprache hilfreich sein: Schlechtes Gewissen, familiäre Belastungen, ausgeprägte Ängste, eigene strenge Erziehung, Bequemlichkeit oder Unwissenheit können eine Rolle spielen. Diese Gründe sind den Eltern unterschiedlich bewusst und machen die Ansprache nicht einfacher.

Gleichzeitig sollte die Perspektive nicht ausschließlich auf das Elternhaus gerichtet werden. Auch pädagogische Fachkräfte können Kindern unbeabsichtigt zu viel abnehmen, ihnen Schwierigkeiten ersparen oder ihre Wünsche vorschnell erfüllen. Um diesen blinden Fleck soll es in Teil 3 gehen.


[1] Frick, J. (2018). Die Droge Verwöhnung: Beispiele, Folgen, Alternativen (5., überarbeitete und erweiterte Auflage). Hogrefe.

[2] Vertiefte Informationen über systematische Einflüsse auf den Erziehungsstil finden sich zusammengefasst bei Verbeek, V. (2019). Mit Kita-Eltern kooperieren: Konstruktivistische, systemische und differenzsensible Perspektiven (Kapitel 5: Milieukompetenz in der Kooperation mit Eltern).

[3] Azman, Ö., Mauz, E., Reitzle, M., Geene, R., Hölling, H., & Rattay, P. (2021). Associations between parenting style and mental health in children and adolescents aged 11–17 years: Results of the KiGGS cohort study (second follow-up). Children, 8(8), 672. https://doi.org/10.3390/children8080672

[4] Frick, 2018, Kapitel 5. Die Gründe für Verwöhnung bei Eltern sind eng an Frick angelehnt, werden aber durch die Möglichkeiten der Ansprache in der Kita-Eltern-Kooperation ergänzt.

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