Ich erinnere noch einmal an den Einstieg in Teil 1 der drei Beiträge zu Verwöhnung: In einer Radiosendung zum Thema Frühpädagogik habe ich vor über einem Jahr die Einschätzung abgegeben, dass der pädagogische Umgang mit Kindern in der Kindertagesbetreuung zunehmend Züge eines verwöhnenden Erziehungsstils annimmt. Psychologisch betrachtet sei dies problematisch. Hintergrund waren die Wissensbestände, die ich in den letzten beiden Beiträgen zusammengefasst habe. Zugegebenermaßen war es eine provokante These, denn üblicherweise wird Verwöhnung den Eltern zugeschrieben, nicht aber pädagogischen Fachkräften. Zur Erläuterung dieser These kam es in der Diskussionsrunde nicht.
Verwöhnen im Sinne von Nachgiebigkeit in der Kita?
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Dimensionen von Verwöhnung, die Jürg Frick unterscheidet: „das Übermaß an Zärtlichkeit; das Übermaß an Besorgnis; das Übermaß an Hilfsbereitschaft; das Übermaß an Entlastung; das Übermaß an Geschenken, Geld, Spielsachen; der Mangel an Zutrauen, Ermutigung; der Mangel an Zuversicht; der Mangel an Forderung: zu Ausdauer, Anpacken, Durchhalten, Ausprobieren; der Mangel an freundlicher Grenzsetzung.“[1]
Beim Lesen der ersten Merkmale von Verwöhnung winkt man sicher noch ab, bei den späteren wird man vielleicht etwas stutzig. Leitet die aktuelle Kita-Pädagogik zu „Ausdauer, Anpacken, Durchhalten, Ausprobieren“ an? Setzen pädagogische Fachkräfte klare und freundliche Grenzen? Oder – sagen wir es etwas neutraler, aber nicht minder provokativ – entlasten auch pädagogische Fachkräfte Kinder von Anforderungen, Alltagsfrustrationen oder Eigenverantwortung? Werden kindliche Bedürfnisse möglicherweise mit Wünschen verwechselt, die auch bei älteren Kindern möglichst unmittelbar erfüllt werden? Werden Kindern Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt, statt sie dabei zu unterstützen, diese selbst zu bewältigen?
Damit stellt sich die Frage, ob bestimmte Formen der gegenwärtigen Kita-Pädagogik Merkmale dessen aufweisen, was in der psychologischen Fachliteratur als permissiver oder nachgiebiger Erziehungsstil bezeichnet wird. Ein nachgiebiger Erziehungsstil ist durch eine hohe Zuwendung und geringe Anforderungen sowie durch eine geringe Verbindlichkeit von Grenzen und Regeln gekennzeichnet. Die Frage ist also nicht, ob eine kindorientierte oder bedürfnisorientierte Pädagogik grundsätzlich Verwöhnung bedeutet. Entscheidend ist vielmehr, ob die Orientierung an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder mit einer hinreichenden Bereitschaft verbunden ist, Situationen und Abläufe zu strukturieren, Anforderungen zu stellen, Grenzen zu setzen und Kindern die Bewältigung von Alltagsfrustrationen zuzumuten.
Das ist auch deshalb relevant, weil Forschung zu nachgiebigen Erziehungsstilen auf ungünstige Zusammenhänge mit verschiedenen Entwicklungsbereichen hinweist. Metaanalysen finden unter anderem Zusammenhänge mit geringeren schulischen Leistungen und Selbstwertproblemen, für moralisches Urteilen und die Prävention von Substanzkonsum zeigen sich hingegen keine entsprechenden positiven Effekte.[2] Es gibt daher keinen sinnvollen Grund, einen nachgiebigen Erziehungsstil bewusst zu praktizieren. Als Ausbilderin habe ich bislang im Einklang mit der Erziehungsstilforschung für einen autoritativen Erziehungsstil plädiert – doch dazu in einem anderen Beitrag.
Dokumente als Indikatoren für Prämissen der aktuellen Kindheitspädagogik
Nun ist es immer schwierig, von „der Kita-Pädagogik“ zu sprechen. Auch der Hinweis auf eine „Mainstream-Kita-Pädagogik“ ist problematisch, wenn nicht geklärt wird, woran sich entsprechende Tendenzen festmachen lassen. Nicht jeder hat den Vergleich und kann mehr als die letzten 20 Jahre im Beruf überblicken. Im Folgenden ziehe ich deshalb drei Dokumenttypen als mögliche Indikatoren für Prämissen der aktuellen Kita-Pädagogik heran:
- Narrative in öffentlichen Aufrufen, die wie das Memorandum zur Frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung 2025, das von vielen (über 300) meist akademischen Professionellen unterschrieben wurde
- Grundsätze im länderübergreifende Bildungsplan, dem Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen
- Auswahlkriterien für die Vergabe des Deutschen Kita-Preises
Hierbei dürfte es sich um Indikatoren dessen handeln, was aktuell als Bildungsverständnis in die Praxis überführt werden soll, was einen hohen Konsens auf Hochschul- und Trägerebene erzeugt und was gefördert werden soll. Ob Praktiker:innen damit übereinstimmen, ist damit nicht gesagt.
Aspekte von Verwöhnung im „Memorandum zur FBBE 2025“?
Analysiert wird hier die zweiseitige Kurzversion des Memorandums, die als prägnante Zusammenfassung seiner Positionen verstanden werden kann. Unter dem Gesichtspunkt der Verwöhnung fallen zunächst weniger einzelne problematische Aussagen als vielmehr die Gewichtung der pädagogischen Leitbegriffe auf. Interessen, Bedürfnisse, Selbstbestimmung, Partizipation, Schutz, Feinfühligkeit und Flexibilität werden hervorgehoben. Gegenbegriffe wie Struktur und Grenzen, Anforderungen, Anstrengung und Konzentration, das Bewältigen von Konflikten finden dagegen kaum Erwähnung.
Auch die Aussage, Bildung entstehe im Spiel, in Resonanz und Beziehung und nicht durch standardisierte Programme, verweist auf eine Pädagogik, in der kindliche Eigenaktivität und Interessen einen hohen Stellenwert besitzen. Das ist für sich genommen keineswegs problematisch. Die Frage ist vielmehr, ob dieser kindorientierten Seite eine ebenso deutlich formulierte erwachsene Seite pädagogischen Handelns gegenübersteht: Führen Fachkräfte auch, setzen sie Grenzen, stellen sie Anforderungen und muten sie Kindern altersgemäße Anstrengung zu?
Widersprüche im länderübergreifenden Bildungsplan?
Der länderübergreifende Bildungsplan setzt hier auf den ersten Blick einen interessanten Gegenakzent. Im zweiseitigen Kapitel 2, „Allgemeine Beschreibung der Ziele im Hinblick auf Bildung und Erziehung in der frühkindlichen Bildung“, werden neben Unterstützung und Begleitung ausdrücklich Sozialverhalten, altersangemessene Verantwortungsübernahme, grundlegende Kompetenzen und die Fähigkeit zur Bewältigung künftiger Lebens- und Lernaufgaben genannt. Der Text ist damit stärker an Anforderungen orientiert als das Memorandum.
Gleichzeitig entsteht ein bemerkenswertes Spannungsverhältnis: Der Plan verzichtet bewusst auf eine Abgrenzung von Bildung und Erziehung und beschreibt Erziehung vor allem als „Unterstützung, Begleitung und Anregung“. Die aktive erzieherische Funktion des Erwachsenen – Anforderungen zu stellen, Grenzen zu setzen, Verhalten zu korrigieren und Widerstand auszuhalten – wird demgegenüber kaum explizit beschrieben. Kinder sollen also lernen, Verantwortung zu übernehmen und Anforderungen zu bewältigen, weniger deutlich wird, wie Erwachsene diese Anforderungen pädagogisch umsetzen.
Gerade für die Frage nach einem nachgiebigen Erziehungsstil ist dieser Widerspruch relevant. Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme entstehen nicht allein durch Unterstützung und Stärkung. Kinder müssen auch Erfahrungen mit Anforderungen, Begrenzungen, und dem Zurückstellen eigener Wünsche machen. Wird diese Seite von Erziehung konzeptionell weniger deutlich gefasst, kann in der praktischen Umsetzung in der Kindertagesstätte Unterstützung in Überbehütung und Bedürfnisorientierung in Nachgiebigkeit übergehen. In der Elternberatung fehlen die entsprechenden Wissensbestände.
Auswahlkriterien für den Deutschen Kita-Preis
Noch einen Schritt weiter geht die Betrachtung der Auswahlkriterien des Deutschen Kita-Preises. Hier geht es nicht mehr nur um bildungspolitische Programmatik, sondern darum, welche Merkmale als Ausdruck besonders guter Qualität einer Kita ausgezeichnet werden.
Der einleitende Satz zu den Auswahlkriterien ist dabei besonders interessant: „Es kommt auf gute Prozesse an und nicht ausschließlich auf gute Ergebnisse“ verschiebt den Qualitätsmaßstab von dem, was Kinder am Ende können oder bewältigen, auf die Qualität der pädagogischen Interaktionen und Prozesse. Das kann problematisch werden, wenn prozessuale Qualität von Ergebnissen (auch) entkoppelt wird. Denn eine Kita kann ausgesprochen wertschätzend, partizipativ und bedürfnisorientiert arbeiten und dennoch die Frage offenlassen, ob Kinder dadurch tatsächlich lernen, Verantwortung zu übernehmen, Regeln einzuhalten, Anstrengungen durchzuhalten und eigene Wünsche altersgemäß zurückzustellen.
Von den vier Qualitätsdimensionen Kindorientierung, Partizipation, Sozialraumorientierung und lernende Organisation, die für die Preisvergabe wichtig sind, beschreiben insbesondere die ersten beiden die unmittelbare pädagogische Arbeit mit Kindern. Bei der Kindorientierung stehen vertrauensvolle Beziehungen, Respekt und Wertschätzung, die Unterstützung individueller Bildungsprozesse, die Berücksichtigung kindlicher Anliegen sowie die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt. Partizipation wird als Beteiligung der unterschiedlichen Zielgruppen und ausdrücklich auch der Kinder und ihrer Familien gefasst.
Auch hier sind diese Kriterien für sich genommen keineswegs Ausdruck eines nachgiebigen Erziehungsstils. Auffällig ist jedoch, wie einseitig die Qualitätsbeschreibung die Perspektive des Kindes konkretisiert. Sehr genau wird beschrieben, wie Fachkräfte Kindern begegnen und auf ihre Anliegen reagieren sollen. Wesentlich weniger konkret wird auch hier beschrieben, was Fachkräfte von Kindern erwarten dürfen oder sollen. Die kindorientierte Seite pädagogischen Handelns ist stark ausformuliert, die strukturierende und begrenzende Seite der Erwachsenen dagegen kaum operationalisiert. Die Frage lautet damit nicht, ob Kinder zu viel beteiligt oder zu sehr wertgeschätzt werden. Sie lautet vielmehr: Gehört es ebenfalls zur Qualität einer Kita, Kindern etwas zuzumuten?
Fazit
Was lässt sich festhalten? Verwöhnung oder ein nachgiebiger Erziehungsstil sind selbstverständlich keine erklärten pädagogischen Ziel in den Programmatiken. Sie könnte vielmehr dort zur unbeabsichtigten Folge werden, wo das Unterstützen, Berücksichtigen und Ermöglichen stärker ausformuliert ist als das Strukturieren, Orientierung verschafften, Begrenzen oder mitunter auch Zumuten.
Die provokante These, ob in der aktuellen Kita-Pädagogik Verwöhnung oder ein nachgiebiger Erziehungsstil begünstigt wird, lässt sich nach dieser Analyse weiterverfolgen. Wahrscheinlich schreibe ich darüber noch einen Beitrag für eine Fachzeitschrift. Das Thema ist ergiebig, wie ich merkte.
[1] Frick, J. (2018). Die Droge Verwöhnung: Beispiele, Folgen, Alternativen (5., überarbeitete und erweiterte Auflage). Hogrefe, S. 39.
[2] Pinquart, M. (2016). Associations of Parenting Styles and Dimensions with Academic Achievement in Children and Adolescents: A Meta-analysis. Educational Psychology Review, 28, 475–493. https://doi.org/10.1007/s10648-015-9338-y; Pinquart, M., & Gerke, D.-C. (2019). Associations of Parenting Styles with Self-Esteem in Children and Adolescents: A Meta-Analysis. Journal of Child and Family Studies, 28, 2017–2035. https://doi.org/10.1007/s10826-019-01417-5; Pinquart, M., & Fischer, A. (2022). Associations of parenting styles with moral reasoning in children and adolescents: A meta-analysis. Journal of Moral Education, 51(4), 463–476. https://doi.org/10.1080/03057240.2021.1933401; Pinquart, M., & Lauk, J. (2024). Associations of parenting styles with substance use in the offspring: A systematic review and meta-analysis. Drug and Alcohol Review, 44(1), 133–143. https://doi.org/10.1111/dar.13961
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