Leseprobe aus einem historischen Roman: Wie die die NSDAP die Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin vereinnahmte

In den letzten Monaten habe ich intensiv an einem professionsgeschichtlichen Roman gearbeitet. Der Stoff beschäftigt mich seit einigen Jahren; nun konnte ich das Buch endlich fertigstellen. Die Geschichte spielt in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit, ist aber aktueller denn je, wie mir beim Schreiben und den wochenlangen Überarbeitungen überaus deutlich wurde. Sie fragt danach, wie Menschen unter autoritären gesellschaftlichen Verhältnissen Verantwortung bewahren können. Neben dem professionsgeschichtlichen Erzählstrang mit den Zwängen im Beruf gilt dies in besonderem Maße für die Haltung gegenüber einer menschenunwürdigen Gesundheits- und Rassenpolitik.

Worum geht es in dem historischen Roman?

Es sind die Umbruchjahre des frühen 20. Jahrhunderts. Gertrud Schnitzler wächst in einer katholisch geprägten Familie in Trier auf. Früh verspürt sie den Wunsch nach Bildung und Selbstständigkeit. Wie viele bürgerliche Frauen in der Weimarer Republik ergreift sie einen sozialen Beruf und wird Kindergärtnerin, später Jugendleiterin. Sie erlebt eine Zeit des Aufbruchs: Ihre Lehrerinnen in Trier und Freiburg gehören zu den Vordenkerinnen einer reichsweiten Bewegung zur Erneuerung der sozialpädagogischen Ausbildung. Doch mit der nationalsozialistischen Herrschaft gerät ihre berufliche Existenz unter Druck.

Konfessionelle Einrichtungen werden kontrolliert, berufliche Spielräume schwinden, und auch innerhalb der Familie wächst die Bedrohung. Ihr Vater ist an der Frauenklinik eines Krankenhauses tätig und sieht sich mit folgenschweren ethischen Entscheidungen konfrontiert. Ihr geistig behinderter Bruder wird durch die nationalsozialistische Rassen- und Gesundheitspolitik bedroht.

Verknüpft Biografie mit der Geschichte sozialer Berufe

Der Roman beruht auf historischen Quellen, professionsgeschichtlichen Analysen sowie auf Materialien und Überlieferungen aus dem Familienumfeld der dargestellten Hauptpersonen. Er orientiert sich an den Lebensdaten der Figuren sowie an den zeit-, sozial- und berufsgeschichtlichen Zusammenhängen und verbindet diese mit literarischer Gestaltung. Die Darstellung fühlt sich dem besonderen Andenken der historischen Personen verpflichtet.

Gertrud Schnitzler fotografierte im Kindergartenalltag. Vierzehn Fotografien sind in den Roman integriert, darunter einige der Protagonistin. In einer Ausstellung des Stadtmuseums über die Weimarer Republik, die Anfang Juli 2026 eröffnet wird, werden einige Fotos aus ihrer Ausbildungszeit vor 100 Jahren und dem Kindergartenalltag gezeigt.

Leseprobe aus dem Roman „Fräulein Schnitzler und ihr Bruder“

„Als im Frühjahr 1936 die Abschlussprüfungen der Seminaristinnen stattfanden, saß Gertrud wieder am langen Tisch der Prüfungskommission in Sankt Bantus. Der Raum war derselbe, die Mappen lagen in verschiedenen Stapeln bereit, vor ihr das Protokollheft mit den vorgedruckten Spalten für Namen, Fächer und Bewertungen. Dennoch merkte sie von Beginn an, dass sich etwas verändert hatte.

Neben ihr saß ein neuer Vertreter der staatlichen Aufsicht, jünger als der frühere, mit entschlossenem Gesichtsausdruck und Parteiabzeichen am Revers. Die Direktorin Schwester Anna Margarete und die Lehrerinnen blätterten schweigend in ihren Unterlagen, bis die Prüfungen begannen.

Die jungen Seminaristinnen wurden einzeln hereingerufen wie früher. Zur Begrüßung der Prüflinge sagte der Vorsitzende knapp Heil Hitler, allerdings ohne die Hand zu heben. Alle erwiderten den politischen Gruß, schoben dann ein Grüß Gott, Frau Direktorin, Schwester Anna Maria hinterher, als hätten sie es einstudiert. Sie nahmen Platz, die Hände im Schoß, den Blick nach vorn gerichtet.

Zunächst verlief alles vertraut: Fragen zur Pädagogik, zur Beschäftigung kleiner Kinder, zu den Aufgaben bei Hortkindern. Dann aber fielen Begriffe, die vor wenigen Jahren noch nicht zum selbstverständlichen Ton einer Abschlussprüfung gehört hatten. Soziales Verantwortungsbewusstsein wurde nun zur Stärkung der Volksgemeinschaft. Erziehungsarbeit in der Familie führte unvermittelt zur natürlichen Aufgabe der Mutter im neuen Staat.

Als eine Seminaristin ihr schriftliches Thema nannte, horchte Gertrud auf. Sie hatte über ein Zitat von Frau Scholtz-Klink geschrieben, der neuen Reichsfrauenführerin der Nationalsozialisten. Es stammte aus einer Rede auf dem Parteitag in Nürnberg 1934 und lautete: Die deutsche Frau muss aus dem harten Leben, das unser Volk gezwungen ist zu leben, es fertigbringen, ein schönes Leben zu machen. Für das Protokoll musste Gertrud den Titel der Ausarbeitung der Schülerin wortwörtlich abschreiben, so fremd war ihr der Sprachgebrauch. Eine andere hatte die neuen, verpflichtenden nationalsozialistischen Lehrgänge für soziale Berufe zum Thema gemacht und sich überlegt, warum sie nun ihren Beruf noch mehr liebte. Nur diese beiden Themen fielen auf. Die anderen hatten pädagogische Inhalte gewählt wie die Jahre zuvor.

Noch deutlicher wurde die Veränderung in der mündlichen Prüfung. Zwischen Gesang, Darbietungen am Klavier, auf der Laute, der Flöte, der Geige oder der Ziehharmonika sowie zwischen Zeichen- und Werkarbeiten kam nun ein neues Fach hinzu: Vererbungslehre und Rassenkunde.

Gertrud schrieb die Fragen zunächst mit ruhiger Hand ins Protokoll: Erscheinungsbild und Erbbild. Staatliche Maßnahmen zur Hebung der Volksgesundheit. Gesetze zum Schutz der Erbpflege. Unmerklich begann sie zu schwitzen. Ihr Herz klopfte schneller, als sie die Gründe für Erbgesundheit mitschrieb, die die Seminaristin leiernd vortrug. Sie dachte an Heinz und fühlte denselben Druck wie ihr Vater, der sich seit den ersten Sterilisationsgesetzen immer wieder gefragt hatte, wie er Betroffene noch schützen konnte, ohne selbst zur Zielscheibe zu werden. Und sie ahnte dunkel, dass es in den nächsten Jahren nicht besser, sondern schlimmer würde. Sie war abgeschweift, was sie an der lauten Aufforderung des Prüfungsvorsitzenden merkte.

„Fräulein Schnitzler, notieren Sie bitte noch die letzte Antwort der Schülerin: Ausmerzung erkrankter Stämme.“

Ebenso glatt fügte sich die nationalsozialistische Politik in die Prüfung in Staatsbürgerkunde ein: Zweck und Aufgaben des Arbeitsdienstes, Bauernnot und Bauernhilfe, Führerstellung Hitlers und wieder die Bevölkerungspolitik, ihre Notwendigkeit und ihre Maßnahmen. Diese Fragen wurden nun mit derselben Nüchternheit gestellt wie früher jene zur Fröbelpädagogik. Die Direktorin Schwester Anna Maria saß dabei aufrecht an ihrem Platz, ohne sichtbare Regung.

Als Gertrud am Ende die Protokolle vervollständigte und die Zeugnisse mitunterschrieb, fiel ihr unwillkürlich die Prüfung ein, bei der sie vor einigen Jahren zum ersten Mal als Praxisvertreterin dabei war. Damals hatte sie geglaubt, ein milderer Ton könne vieles verändern. Nun merkte sie, dass derselbe ruhige Ton auch Dinge tragen konnte, die nicht im Entferntesten mehr zu einem christlichen Glauben passten.

Auch der Stempel des Prüfungsvorsitzenden war neu: Um den Reichsadler mit Hakenkreuz lief die Aufschrift ‚Oberpräsident der Rheinprovinz‘. Darunter stand der Schulstempel, daneben setzten die Direktorin Schwester Anna Maria und die Lehrerinnen des Ursulinenseminars ihre Unterschriften.“

Informationen zum Buch

Der Roman mit 230 Seiten sowie 20 Seiten Hintergrundinformationen erscheint am 10. Juli 2026 im Op gen Beek-Verlag in Trier, dem Verlag meines Mannes. Gemeinsam publizieren wir nebenberuflich sozialwissenschaftliche und gesellschaftskritische Literatur. Ein besonderer Reiz besteht darin, alles selbst zu gestalten, als Autorin also auch am Cover oder am Vertrieb beteiligt zu sein.

Informationen zum Buch sowie Bestellmöglichkeiten finden sich unter http://www.opgenbeek-verlag.de.

Für den Roman „Fräulein Schnitzler und ihr Bruder“ gilt bei Bestellungen, die bis zum 30.06.2026 über das Kontaktformular des Verlags eingehen, ein Subskriptionspreis von 14 Euro. Nach Erscheinen des Buches gilt der gebundene Ladenpreis von 18 Euro.

An wen richtet sich das Buch?

Es richtet sich allgemein an historisch Interessierte, im Besonderen an Erzieherinnen und Kindheitspädagoginnen, die an der wechselhaften Geschichte ihres Berufs interessiert sind. Er ermöglicht Lehrenden und Studierenden der Sozialen Arbeit oder Kindheitspädagogik einen erzählerischen Einblick in die Berufsgeschichte in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Die Handlung spielt in Trier und in Freiburg.

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