Ist Entwicklungspsychologie politisch, sogar konservativ?

Vor einigen Tagen stieß ich auf ein Interview, in dem eine Buchpublikation besprochen wurde, die die weitgehende Geringschätzung entwicklungspsychologischer Erkenntnisse im Umgang mit Krippenkindern kritisiert. Dabei handelt es sich um das Buch „Sicherheit im Erziehungshandeln“ von Dr. Erika Butzmann, das im Herbst 2025 erschienen ist und das ich in diesem Blog bereits vorgestellt habe. Butzmann setzt sich darin mit dem zunehmenden Modernisierungsdruck in der Frühpädagogik auseinander und macht bereits im Untertitel ihres Buchs deutlich, dass sie Modernisierung um der Modernisierung willen kritisch sieht. Der Artikel war mit einem Zitat der Autorin überschrieben: „Pädagogik der frühen Kindheit braucht mehr konservatives Denken“.[1]

Die Tendenz, fachliche Fragen zunehmend politisch zu rahmen, begegnet einem inzwischen häufig – und längst nicht nur im Journalismus. Besonders deutlich zeigt sich dies in Teilen der gegenwärtigen Debatte innerhalb der Kindheitspädagogik. Das Politisieren ist mir als Psychologin fremd, weil in dieser Wissenschaft Kriterien stärker nach erkenntnistheoretischen Kriterien eingeordnet werden. Der Unterschied wurde mir erst kürzlich wieder in einem Gespräch mit einem Freund bewusst, den ich lange nicht gesehen hatte. Als er erfuhr, welche Thesen 2024 unter meinem Namen veröffentlicht worden waren und welche diffamierende Stimmen der Aufruf „Kita-Kindeswohl-im-Blick“ ausgelöst hatte, reagierte er überrascht: „Mich erstaunt, dass diese Thesen eine solche Aufregung hervorrufen. Das steht doch in jedem Lehrbuch der Entwicklungspsychologie“, sagte er sinngemäß. Seine spontane Reaktion brachte auf den Punkt, was ich seit Längerem beobachte: Vieles, was in der Entwicklungspsychologie seit Jahrzehnten zum fachlichen Grundwissen gehört und durch aktuelle Studien sowie Metaanalysen weiterhin gestützt wird, erscheint im öffentlichen Diskurs plötzlich als provokant oder wird als konservativ etikettiert. Mitunter wird es sogar in die Nähe politisch rechter Positionen gerückt – leider auch im Wissenschaftsbetrieb. Gerade diese Diskrepanz zwischen entwicklungspsychologischem Wissensstand und seiner öffentlichen Einordnung erschwert die Debatte über eine gute frühpädagogische Praxis.

Wissenschaft an sich ist nicht politisch

Wissenschaft – insbesondere die empirischen Wissenschaften – ist ihrem Selbstverständnis nach auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet. Zu ihrem wissenschaftlichen Ethos gehören die Offenheit für neue Erkenntnisse, methodisch kontrollierte Erkenntniswege, weltanschauliche Unabhängigkeit sowie die im Grundgesetz garantierte Freiheit von Forschung und Lehre. Wissenschaftliche Aussagen sollen sich an der Evidenz orientieren und nicht an politischer Zweckmäßigkeit oder moralischen Bewertungen. So heißt es in berufsethischen Richtlinien: „Die Psychologie muss Wahrheit grundsätzlich in allen Bereichen des menschlichen Erlebens und Verhaltens anstreben. Dies gilt auch für Themen, die aus wirtschaftlicher, politischer und normativer Sicht unpopulär oder als nicht opportun erscheinen.“ [2]

Das bedeutet allerdings nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse außerhalb – und auch innerhalb – der Wissenschaft unpolitisch bleiben. Forschungsergebnisse werden gesellschaftlich interpretiert, politisch aufgegriffen und mitunter auch für ideologische Ziele funktionalisiert. Zu bestimmten Zeiten werden sie hervorgehoben, abgeschwächt oder sogar ignoriert – je nachdem, ob sie zu den jeweils vorherrschenden politischen Leitbildern passen.

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Geschichte der Bindungstheorie. Heute gilt sie in Teilen der öffentlichen Debatte als besonders „konservativ“ oder „altmodisch“. Historisch betrachtet war ihre Rezeption jedoch weitaus komplexer. Gerade ihr wechselnder Stellenwert zeigt eindrucksvoll, wie wissenschaftliche Erkenntnisse im Laufe der Zeit unterschiedlich bewertet und politisch eingeordnet werden können.

In den ersten Jahrzehnten: Progressive, vielleicht sogar „linke“ Bindungstheorie

Die Bindungstheorie gehört zu den Metatheorien der Entwicklungspsychologie. John Bowlby steht zusammen mit Harry Harlow für die Erkenntnis, dass eine sichere Bindung zu den Eltern die wichtigste Ressource für psychische Stabilität ist. Mary Ainsworth hat die verschiedene Bindungstypen unterschieden und Bedingungen beschrieben, die eine sichere Bindung ermöglichen: besonders die Feinfühligkeit der Eltern. Die Arbeiten von James Robertson plädieren für die Abmilderung plötzlicher Trennungserfahrungen der Kinder von ihren Eltern durch Übergänge und Begleitung. In Deutschland haben Lieselotte Ahnert und das Ehepaar Großmann den traditionellen Blick auf die Mutter als Bindungspartnerin auf den Vater und andere kontinuierlich präsente Personen im Nahfeld des Kindes gelenkt sowie eine längsschnittliche Perspektive auf die Bindungsentwicklung geworfen.  

Die Bindungstheorie des Forscherteams Bowlby, Robertson und Ainsworth an der Tavistock Clinic in London hatte in der Fachwelt bis in die 1970er Jahre einen schweren Stand. In diesen Jahren ging die Mainstream-Psychiatrie davon aus, dass Leid, das in der Kindheit erfahren wurde, keine Auswirkungen auf die spätere seelische Gesundheit Erwachsener hat.[3] Man sollte sich besser schnell trennen, wenn es z.B. zu Krankenhaus- oder Kuraufenthalten kam, Kinder nicht besuchen, Kindern überhaupt nicht zu warmherzig begegnen. Die Aussagen der Bindungstheorie waren in diesen Zeiten viel zu modern, zu progressiv, wäre man damals auf die Idee gekommen, hätte man vielleicht „Linksradikalität“ unterstellt.

Erst mit einem gesteigerten Bewusstsein über die negativen Auswirkungen früher Verlusterfahrungen kam es in den 1990ern zu einer starken Aufnahme der Bindungstheorie. Dies führte zu einem feinfühligen Umgang mit Kindern in der Erziehung, vor allem bei sehr kleinen Kindern und bei Jungen. Bei unvermeidlichen Trennungssituationen von den Eltern wie Krankenhausaufenthalte oder beim Eintritt in Krippe, Kindergarten und Schule werden nun Übergänge gestaltet, Eingewöhnungen fachlich fundiert durchgeführt und Möglichkeiten der Begleitung von Kindern bei medizinischen Behandlungen geschaffen (Stichwort: Rooming-in).[4]

Als Wissenschaft politisch werden musste: Bindungstheorie in der DDR

Häufig wird die hohe Krippenquote der DDR als Argument dafür herangezogen, dass eine frühe außerfamiliäre Betreuung grundsätzlich unproblematisch sei. Zugleich besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die damalige pflegerisch-medizinische Ausrichtung der Krippenerziehung nicht als pädagogisches Vorbild gelten kann. Wenig bekannt ist jedoch, dass frühe entwicklungspsychologische und bindungstheoretische Erkenntnisse in der DDR zunächst durchaus kritisch gegenüber einer frühen institutionellen Betreuung waren – und diese später politisch überlagert wurden.

In den 1950er- und frühen 1960er-Jahren stand die DDR im Austausch mit internationalen Forschenden. Die Medizinerin und Krippenforscherin Eva Schmidt-Kolmer diskutierte mit dem britischen Bindungsforscher James Robertson die Auswirkungen früher Trennungen von den Eltern. Ihre eigenen Studien zeigten, dass Kinder in Wochenkrippen deutliche Entwicklungsnachteile gegenüber Kindern aufwiesen, die in Tageskrippen oder in den ersten Lebensjahren überwiegend in der Familie betreut wurden. Besonders günstig entwickelten sich die familiär betreuten Kinder. Auf dieser Grundlage sprach sich Schmidt-Kolmer für mehr Familienbetreuung in den ersten beiden Lebensjahren und für einen behutsamen Übergang in die Krippe aus – Gedanken, die eng mit der damals entstehenden Bindungstheorie übereinstimmten.

Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 und der zunehmenden politischen Isolation der DDR veränderte sich jedoch auch der wissenschaftliche Diskurs. Die nahezu vollständige Erwerbstätigkeit von Frauen gehörte zu den zentralen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Zielen der DDR. Eine flächendeckende Krippenversorgung war dafür eine wesentliche Voraussetzung. Erkenntnisse, die dieses Modell infrage stellten, passten nicht mehr zur politischen Agenda. Bindungstheoretische Überlegungen verschwanden zunehmend aus offiziellen Programmen, und Schmidt-Kolmer selbst beteiligte sich später an der Entwicklung zentraler Erziehungsprogramme für Krippen, die vor allem medizinisch, hygienisch und organisatorisch ausgerichtet waren.

Die Krippenerziehung war stark standardisiert, ritualisiert und autoritär organisiert. Nicht die individuelle Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson stand im Mittelpunkt, sondern die planbare, kollektiv organisierte Erziehung. Individuelle Bedürfnisse der Kinder oder eine bindungsorientierte Eingewöhnung spielten kaum eine Rolle. Selbst in den 1980er-Jahren wurde die Anwesenheit der Eltern während der Eingewöhnung in die Krippe aus hygienischen Gründen auf wenige Tage begrenzt.

Erst Jahrzehnte später konnten Langzeitstudien die Folgen dieser frühen Trennung untersuchen. Forschungen zeigen heute, dass insbesondere Kinder aus Wochenkrippen ein erhöhtes Risiko für spätere Bindungsunsicherheit und psychische Belastungen aufweisen. Was in der DDR aus politischen Gründen kaum thematisiert werden durfte, wird heute wissenschaftlich differenziert aufgearbeitet.

Die Geschichte der Krippenbetreuung in der DDR zeigt exemplarisch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht automatisch gesellschaftliche Praxis bestimmen. Sie können selektiv aufgegriffen, umgedeutet oder verdrängt werden, wenn sie politischen Zielsetzungen widersprechen.[5]

Wenn Wissenschaft politisch bleibt: Bindungstheorie in der heutigen Krippendiskussion

Die Funktionalisierung von Theorien bleibt nicht auf autoritäre Systeme begrenzt. Auch heute lässt sich erkennen, dass in gesellschaftlichen und fachlichen Debatten bestimmte Aspekte der Bindungstheorie stärker hervorgehoben werden, während andere weniger Beachtung finden oder neu interpretiert werden. Was wird weggelassen oder als „konservativ“ abgewertet?

Wenn heute von Bindungstheorie die Rede ist, steht meist die Bedeutung einer sicheren Bindung im Mittelpunkt. Weniger Beachtung findet jedoch ein zentraler Gedanke von John Bowlby: Eine belastbare Bindung entsteht nicht mit der Geburt, sondern entwickelt sich beim Kind erst über einen längeren Zeitraum. Diese Entwicklung hängt mit der zunehmenden kognitiven und emotionalen Reifung des Kindes zusammen. Bowlby beschrieb die Bindungsentwicklung als einen mehrstufigen Prozess. In den ersten Lebenswochen zeigt ein Säugling sein Bindungsverhalten noch unspezifisch gegenüber verschiedenen Menschen. Erst ab etwa sechs Wochen beginnen sich bevorzugte Bezugspersonen herauszubilden. Und gegen Ende des zweiten Lebensjahres geht Bowlby davon aus, dass das Kind ein stabiles inneres Arbeitsmodell entwickelt hat – also die innere Gewissheit, dass seine Bezugsperson verlässlich verfügbar ist. Erst auf dieser Grundlage können Trennungen zunehmend bewältigt und die Umwelt eigenständig erkundet werden.[6]

Gerade dieser zeitliche Aspekt der Bindungsentwicklung gerät in der heutigen Diskussion häufig aus dem Blick. Zwar wird die Bedeutung sicherer Bindungen allgemein anerkannt, doch die Frage, wie lange ihre Entwicklung dauert und welche Konsequenzen dies für sehr frühe und umfangreiche Fremdbetreuung haben könnte, wird deutlich seltener thematisiert.

Oft findet man auch andere Widersprüche. Wenn heute von Bindungstheorie die Rede ist, steht auch die Bedeutung einer feinfühligen Beziehungsgestaltung zum Kind im Vordergrund – ohne zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften deutlich zu unterscheiden. Ahnerts Forschung zeigte, dass Kinder mehrere Bindungsbeziehungen entwickeln können. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die Beziehung zu pädagogischen Fachkräften mit der Eltern-Kind-Bindung gleichzusetzen ist.[7] Die Beziehung zu einer pädagogischen Fachkraft erfüllt andere Funktionen als die Eltern-Kind-Bindung. Sie ist nicht von Dauer, erlaubt wenig Intimität und ist nicht exklusiv.

Zurück zum Zeitungsartikel

Erika Butzmann beantwortet die Frage des Journalisten „Würden Sie Ihren eigenen Ansatz als konservativ bezeichnen?“ auf eine ungewöhnliche Weise: „Kinder sind von ihrer Entwicklung her bis in die Pubertät sehr konservative Wesen. Denn sie orientieren sich an ihren Eltern und anderen Erwachsenen. Sie müssen die Regeln ihrer Gemeinschaft lernen und denken … auf die konkrete Umwelt bezogen. Also muss die Umwelt auch konservativ reagieren. Es geht mir nicht um einen konservativen Ansatz, sondern ich argumentiere ganz eng an den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder entlang.“

Diese Antwort verweist auf einen wichtigen Punkt: Der Begriff „konservativ“ muss nicht „altmodisch“, „autoritär“ oder „rückwärtsgewandt“ bedeuten. Im ursprünglichen Sinn beschreibt er zunächst das Bewahren und die Orientierung an Bewährtem. Bezogen auf Kinder kann damit gemeint sein, dass Entwicklung Verlässlichkeit, Stabilität und vertraute Beziehungen benötigt – bevor neue Erfahrungen und Veränderungen verarbeitet werden können.

Persönlich würde ich dennoch darauf verzichten, entwicklungspsychologische Erkenntnisse mit politischen Etiketten zu versehen. Das Kindeswohl sollte kein Begriff sein, der politischen Lagern zugeordnet wird. Entscheidend ist nicht, ob eine Position als konservativ oder progressiv gilt, sondern ob sie den tatsächlichen Entwicklungsbedürfnissen von Kindern gerecht wird.

Die Aufgabe der Politik besteht deshalb darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine gesunde Entwicklung ermöglichen. Dazu gehören aus meiner Sicht auch Maßnahmen, die Familien in den ersten Lebensjahren unterstützen: ausreichend Zeit und Finanzmittel für den Aufbau einer tragfähigen Eltern-Kind-Bindung, eine nachhaltige Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine gerechte Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit.


[1] Piel, B. (2026): „Pädagogik der frühen Kindheit braucht mehr konservatives Denken“. In: Weser-Kurier, 18./19. Juli 2026.

[2] Fachgruppe „Psychologie“ im „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ (2024). Thesen zur Wissenschaftsfreiheit. Report Psychologie, 49 (6), 38. (Zitate auf Seite 38)

[3] Dazu ist ein Blick in die verschiedenen Versionen des Internationalen Klassifikationssystems (ICD) der Weltgesundheitsorganisation interessant, in dem die offiziellen Diagnosen für Krankheiten ausgeführt sind: Verbeek, V. (2022). Langfristige Tatfolgen und Tatverarbeitung bei sexueller Gewalt durch Kleriker in der Kindheit und Jugend. In T. Schnitzler (Hrsg.), Geschädigte durch Kindesmissbrauch und sexuelle Gewalt im Bistum Trier: Verantwortlichkeiten und Perspektiven. 3. erweiterte und revidierte Auflage (S. 113-138). Op gen Beek.

[4] Bowlby, J. (2024). Bindung als sichere Basis. Grundlagen und Anwendung der Bindungstheorie. Ernst Reinhardt. / Ainsworth, M. D., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Erlbaum. / Robertson, James & Robertson, Joyce (1975). Reaktionen kleiner Kinder auf kurzfristige Trennung von der Mutter im Lichte neuer Beobachtungen. Psyche, 29 (7), 626–664.

[5] Arndt, G. (2001). Das wissenschaftliche Werk Eva Schmidt-Kolmers (25.06.1913 – 29.08.1991) unter besonderer Berücksichtigung ihrer Beiträge zum Kinder- und Jugendgesundheitsschutz in der DDR. https://epub.ub.uni-greifswald.de/frontdoor/deliver/index/docId/217/file/arndt_gabriele_textteil.pdf / Rosenberg, F. von (2022). Die beschädigte Kindheit. Das Krippensystem der DDR und seine Folgen. / Flemming, E., Knorr, S., Lübke, L., Terne, L & Spitzer, C. (2023). Bindung und seelische Gesundheit von ehemaligen Wochenkrippenkindern. Psychotherapie https://doi.org/10.1007/s00278-023-00687-1

[6] Lohaus, A. & Vierhaus, M. (2013). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Springer.

[7] Ahnert, L., Pinquart, M. & Lamb, M. E. (2006). Security of children’s relationships with nonparental care providers: A meta-analysis. Child Development, 77(3), 664–679.

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